Finanzielle Freiheit (passives Einkommen) erreichen | Möglich oder Fake?

1. Einleitung

Bäm, da ist es. Das Number-One-Bullshit-Wortpaar der letzten Monate und Jahre: Finanzielle Freiheit. Kaum eine Begriffskombination ist derzeit dermaßen overhyped und populär. Sei es bei Suchanfragen auf Google oder Videoportalen wie Youtube: Finanzielle Freiheit lässt sich einfach super vermarkten und Jeder stellt sich etwas Anderes darunter vor.

Man kann Leute motivieren und entsprechende Produkte an den Mann/die Frau bringen und aus teilweise wahren, teilweise auch wirklich hahnebüchenen Geschichten reinen Motivations-Profit schlagen.

In Deutschland sind Begriffe wie „Finanzielle Freiheit“, „passives Einkommen“, „Reich werden“ nicht erst seit Bodo Schäfer und seinem Erstlingswerk* absolut angesagt. Allerlei Menschen scheinen ein wahnsinnig großes Interesse daran zu haben, dass du reich wirst, am besten auch noch schnell. Dass dahinter ganz oft nichts als reine Luft steckt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Hier gilt das Motto:

Wenn du Etwas von anderen möchtest (Geld), dann tu einfach so, wie wenn du ihnen eben jenes verschaffen kannst. Böse Zungen behaupten, dass die Versicherungswirtschaft noch heute zu funktioniert 😉

Und wenn es keinen Bedarf gibt, dann erschaffe einen, indem du einen geilen Lifestyle mit schönen Bildchen propagierst, den die Leute dann mit ihren Durchschnittsleben vergleichen. Diese verlieren natürlich im direkten Vergleich.

Finanzielle Freiheit und die FIRE-Bewegung

Selbstverständlich kommen wir auch im Bereich der Finanziellen Freiheit in Europa nicht ohne ein philosophisches Grundgerüst aus den USA aus. Dort nennt sich die Bewegung, welche sich die finanzielle Freiheit zur obersten Lebensmaxime erhoben hat, schlicht FIRE-Bewegung. Einen ganz interessanten Artikel über diese Bewegung gibts auf Welt-Online.

FIRE steht für

F = Finencial

I = Independence

R = Retire

E = Early

Was in etwa auf Deutsch übersetzt so viel heißt wie: „Finanzielle Unabhängigkeit, früh in Rente gehen“. Mit geradezu religiösem Eifer, wird in dieser Szene eine vorzeitige Rente durch ein passives Einkommen angestrebt und ausufernd vermarktet.

Finanzielle Freiheit in Deutschland

In Deutschland steckt das Thema finanzielle Freiheit trotz allem noch ziemlich in den Kinderschuhen, was aber auch damit zusammenhängt, dass solche Themen gesellschaftlich hierzulande eher geächtet werden.

Hierzulande funktionieren aber noch pubertierende Möchtegerns, die mit AMG-Mercedes ihren eigenen Erfolg beweihräuchern und dabei Geldscheine verbrennen. In den USA ist die Szene bereits wesentlich reifer. Wie unsere Gesellschaft zum Thema finanzielle Freiheit steht, kannst du in einem eigenen Experiment selbst erleben:

Probier’s doch einfach mal aus und sage deinen Kollegen morgen früh beim Kaffee: „Mein Ziel ist es, mit 40 in Rente zu gehen“ und warte mal auf deren Reaktionen. Da schlagen dir sämtliche Glaubenssätze des deutschen Michels (Aufklärung) mit voller Wucht entgegen.




Hierzulande ist eine ebenso lebendige wie eifrige FF-Szene wie in den USA aktuell noch eher undenkbar. Zu tief sind wir mit unseren 9-to-5-Jobs und der gesetzlichen Rente verwurzelt, was ich jetzt mal wertungsfrei in den Raum stelle.

Aber was ist Finanzielle Freiheit überhaupt?


2. Was bedeutet finanzielle Freiheit?

Kommen wir zunächst zur Definition von finanzieller Freiheit. Hier beginnt schon das erste Problem:

Eine einheitliche Definition gibt es nämlich gar nicht. Für Manche ist man dann finanziell frei, wenn man sich alles leisten kann, ohne aufs Geld achten zu müssen. Hier würde man dann parallel noch arbeiten gehen. Beispiele: Der millionenschwere angestellte Manager. Hier wird die Freiheit einzig und alleine von der Höhe des verfügbaren Einkommens abhängig gemacht.

Meine eigene Definition lautet in etwa, dass…

„…finanzielle Freiheit bedeutet, von den Erträgen des eigenen Kapitals/Vermögens ein Leben im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen führen zu können, ohne einer abhängigen Beschäftigung nachgehen zu MÜSSEN.“

Das Wörtchen MÜSSEN muss an dieser Stelle mehrfach unterstrichen und betont werden. Bei dieser  Definition, wird im Wortpaar weniger auf das „finanzielle“ und mehr auf das Wörtchen „Freiheit“ abgehoben.

Dass mir Freiheit sehr wichtig ist, habe in an anderer Stelle bereits erwähnt.

Hier bedeutet finanzielle Freiheit also: Du musst nicht mehr arbeiten, wenn du nicht möchtest und kannst deinen Job auch freier wählen und dich auch leichter mal beruflich verändern.

Problem: Bedürfnisse des Menschen

Ein Streitpunkt entsteht immer wieder wenn es um eben die Bedürfnisse jedes Einzelnen geht. Kann Jemand, der 900 Euro passiv aus seinem Vermögen verdient und davon leben kann, wirklich finanziell frei sein? Meiner Meinung nach eher nicht. Für mich gehört zur finanziellen Freiheit auch ein gewisser „finanzieller Raum zum Atmen“. Sprich ich würde mir nicht wirklich frei vorkommen, wenn ich jeden einzelnen Euro umdrehen müsste, nur um meinen „freien“ Lifestyle leben zu können. Wäre mir zu unentspannt.

Ganz zu schweigen von der Frage, wie lange solch ein auf Kante genähter Lebensstil unter realistischen Bedingungen (Familiengründung, Alter, Krankheit, Pflegebedürftigkeit, steigende Preise etc.) fortgeführt werden kann. Für mich gehört zur Freiheit auch eine gewisse Nachhaltigkeit.

Dividenden können gestrichen werden, Immobilien sich als Geldfresser entpuppen und von der Rente rede ich hier erst gar nicht.

Nee, für mich muss man diese Definition „aufpimpen“. Es muss soviel Geld da sein, dass du dein Leben so führen kannst, wie du es möchtest. Und das kann nur eine individuelle Angelegenheit seit, weshalb man einfach nicht pauschalisieren kann. Ein Frugalist ist mit 900 Euro passiv als gesunder Single ohne Kinder mit einem Studentenlifestyle vielleicht zufrieden, ich wäre es nicht.

Was tun bei Mieterhöhungen?

Schon eine Mieterhöhung oder Kündigung des Mietvertrages und ich habe unter Umständen ein gravierendes existenzielles Problem, wenn die nächste Miete bei 700 Euro kalt liegt. Freiheit? Fehlanzeige. Existenzminimum? Trifft es eher.

Alleine hier siehst du: Das Ziel der finanziellen Freiheit ist nicht für Jeden geeignet. Hier müssen sich meiner Meinung nach auch wir Finanzblogger immer mal an die eigene Nase fassen und uns eingestehen:

ES GIBT MENSCHEN, FÜR DIE DIE FINANZIELLE FREIHEIT EINFACH KEIN ERSTREBENSWERTES LEBENSZIEL DARSTELLT

Soviel Ehrlichkeit muss sein, so viel Toleranz sowieso.

Wieso ich es dennoch für ein lohnenswertes Ziel halte, möchte ich dir nachfolgend erläutern. Fangen wir mal mit den Motiven an.


3. Motive für finanzielle Freiheit:

Seitdem ich mich mit dem Thema finanzielle Freiheit befasse, habe ich für mich 4 maßgebliche Motive herausgearbeitet, wieso jemand (finanziell) frei werden möchte. Auf die Motive bin ich gekommen, als mir bewusst wurde, dass es unterschiedliche, auch politisch differente, Strömungen gibt, die sich die „Freiheit“ auf die Fahnen geschrieben haben.

So würde ich behaupten, dass auch Anarchisten, Linksradikale und Punks eigentlich „finanzielle Freiheit“ suchen, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein. Viele dieser Gruppen möchten sich vom „Joch der Lohnarbeit“ befreien und tun und lassen können, was sie wollen…und dabei noch passiv Geld für den Lebensunterhalt bekommen (in diesem Falle vom Staat) und wenn nicht Geld, dann zumindest die Lebenszeit anderer Menschen oder deren Dienstleistungen.




Auch Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens sind im Grunde auf der Jagd nach finanzieller Freiheit. Von liberal denkenden Menschen ganz zu schweigen, hier steckt es ja schon im Namen.

Aber nun zu meinen 4 Motiven für ein „freies“ Leben:

a) Hedonistisches Motiv

Hierzu zähle ich Menschen, die „dem Hamsterrad des Erwerbslebens“ entkommen möchten, ihren „Spaß“ haben möchten und eben viel viel viel „Freizeit“. Zeit, die dann für Hobbies, Leidenschaften oder soziale Kontakte genutzt wird. Vielleicht ist das die Generation YOLO, die einfach unzufrieden mit ihren Jobs ist, sich die Sinnfrage stellt und sich durch die Finanzielle Freiheit einen eleganten Ausweg aus der Misere verspricht.

Böse Zungen könnten es auch als „egozentrisches Motiv der heutigen Spaß- und Selbstoptimierungs-Jugend“ (Genertaion Y?) bezeichnen. Hier werden dann häufig ETF-Sparpläne bespart, Dividendenstrategien ausgeklügelt und detailliert Spartipps befolgt.

b) Monetäres Motiv

Hierzu zähle ich Menschen, die intelligent investieren und dadurch „schnell reich werden“ wollen und dann Trading-Kanäle starten, um anderen vermeintlich zu gleichen Erfolgen zu verhelfen. Bei dieser Motivation steht das Anhäufen von Geld im Mittelpunkt, weshalb es hier auch selten ein „Genug“ gibt.

Das sind Menschen, die ein gewisses Machtstreben verspüren, einen starken Geltungsdrang haben (möglicherweise als Folge eines geringen Selbstwertgefühls?) und bei denen ihr gesellschaftlicher Status im Vordergrund steht.

In meinen Augen sind das oftmals Menschen, die ziemlich fremdbestimmt leben, weil sie sich stets mit anderen vergleichen und eine gewisse Neidkultur pflegen. Für mich das von allen am wenigsten zu unterstützende Motiv.

c) Arbeits-/Leistungsmotiv

Das sind für mich Menschen, die Unternehmer werden wollen, um etwas aufzubauen. Ein Imperium errichten, etwas zu erschaffen, das ihren eigenen Tod überdauert. Hier steht ganz klar der Leistungswille und die Produktivität/Kreativität im Vordergrund, die Freiheit ist dabei eher ein erfreuliches „Abfallprodukt“.

Selbst wenn diese Menschen Millionäre oder gar Milliardäre sind, werden sie nicht im Traum mit dem Arbeiten aufhören. Hierzu zähle ich die durchaus finanziell freien Typen wie Elon Musk, Warren Buffett und Bill Gates.

Meistens ist dieser Unternehmertyp auch eine Charakterfrage. Immerhin ist eine Angestelltentätigkeit nicht für Jeden geeignet und erstrebenswert, soviel Ehrlichkeit muss sein. Es gibt Freidenker, Kreative, die sich mit einem zu engen Korsett einfach schwertun, auf der anderen Seite aber regelrechte Workaholics sind, wenn es um ihre Vision geht.

Vielleicht gehören dazu auch die introvertierten Menschen, die ihr Heil im Aufbau eines „Online-Handels für Elfenzubehör“ sehen und von den Erträgen leben können. Es sei ihnen von Herzen gegönnt.

d) Moralisch/Ethisch/Philosophisches Motiv

Diese Gattung „Freiheitskämpfer“ findet man häufig in der Szene der Frugalisten und Minimalisten. Hier steht eine gewisse Rebellion gegen die bestehende marktwirtschaftliche Ordnung, den Kapitalismus und den Konsum im Allgemeinen im Vordergrund.

Das sind Menschen, die mit ihrer Familie auf ein bäuerliches Anwesen in eine Jurte ziehen möchten, Aussteiger sind und mit ihrem gewählten Lebensstil ein (meist auch politisches) Zeichen setzen möchten.

Auch diese Menschen streben (finanzielle) Freiheit an, wenngleich ihr Motiv am wenigsten monetären Ursprunges sein dürfte.

Welches der Motiv spricht dich denn persönlich an, falls du dich auf dem Weg zur finanziellen Freiheit befindest?


4. Was für Vorteile hat die finanzielle Freiheit durch ein passives Einkommen?

Aber wozu das Ganze überhaupt? Was bringt es mir, wenn ich finanziell frei bin oder mich auf dem Weg dorthin befinde?

Wie du weißt, bin ich selbst auch überzeugt von dem Konzept des passiven Einkommens (eine kritische Diskussion des Wörtchens passiv folgt weiter unten), wenngleich wesentlich differenzierter und weniger ideologisch als Teile der aktuellen FF-Bewegung, wenn man überhaupt zahlenmäßig von einer Bewegung sprechen kann.




Nun aber zu den Vorteilen eines passiven Einkommens:

a) Du kannst dir mehr leisten

Selbst wenn die finanzielle Freiheit nicht dein Lebensziel sein sollte, so kannst du dank einem passiven (Zusatz-)Einkommen, zum Beispiel aus Dividenden, mehr konsumieren, mehr in Urlaub fahren und deinen Kindern mehr ermöglichen. Oder du bezahlst dir schlicht und ergreifend selbst deine nächste Lohnerhöhung oder Beförderung und bist dadurch im Job gechillter.

Und das funktioniert WIRKLICH. Das ist keine Finanzpornografie oder Manipulation oder Den-Leuten-Falsche-Hoffnung-Machen. Nein, das funktioniert. Wieso? Weil ich es selbst sehe. Jeden Monat, jedes Jahr.

Ich reinvestiere zwar meine Erträge direkt wieder, aber sie läppern sich trotzdem auf mein Konto. Wie hoch ist eine Gehaltserhöhung im Schnitt? Sagen wir 100-200 Euro im Monat? Nunja, dazu brauchst du keine horrenden Summen, um diese Erträge am Kapitalmarkt als monatlichen Ertrag zu erhalten.

Miesmachern und Kritikern des Konzeptes der Finanziellen Freiheit halte ich das immer mal wieder gerne vor. Dieser Teil der finanziellen Freiheit funktioniert tatsächlich.

b) Unabhängiger vom Job sein

Wenn du ein nennenswertes Passives Einkommen einmal erreicht hast, wirst du vermutlich eine kleine psychologische Änderung bei dir feststellen: Du gehst wesentlich entspannter morgens zur Arbeit!

Selbst wenn du Angestellter bleibst, so ist das Feeling ein völlig anderes. Du bist weniger erpressbar, weniger (finanziell) ängstlich, lässt dich weniger stressen und nimmst vielleicht auch die Macken deiner Arbeitskollegen mit etwas mehr Humor hin. Zudem beteiligst du dich vielleicht nicht mehr am internen Konkurrenzkampf mit den Ellbogen.

c) Möglichkeit den Job zu kündigen

Wenn dein passives Einkommen ein gewisses Niveau erreicht hat, hast du sogar die Freiheit, deinem Job ganz Lebewohl zu sagen und zu kündigen. Oder dich beruflich komplett neu zu orientieren zum Beispiel mit einem neuen Studium. Für manche Menschen wäre eine Kündigung vermutlich eine Erlösung:

Wie der Stern schreibt, förderte eine US-Studie unter Arbeitnehmern im Sommer 2018 erschreckendes zu Tage. Hier das Zitat von der Webseite:

„…Das US-amerikanische Pew Research Center hat im Sommer dieses Jahres mehr als 2000 Arbeitnehmer nach dem Verhältnis zu ihrem Job befragt. Die Ergebnisse sind dramatisch: Im Vergleich zur Situation von vor 20 Jahren ist die Zahl der Angestellten, die mit ihrem Job und Arbeitsumfeld zufrieden sind, um über zehn Prozent gesunken. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind 32 Prozent mit ihren Job zufrieden, bei den 30- bis 49-Jährigen sogar nur 26 Prozent und bei den über 50-Jährigen 30 Prozent.

Noch dramatischer dürfte es in Deutschland aussehen, betrachtet man die Ergebnisse des Gallup-Engagement-Index, der jährlich in 155 Ländern erhoben wird. Laut der aktuellen Studie hinkt Deutschland in punkto Mitarbeiterbindung den USA sogar noch meilenweit hinterher, die den Spitzenplatz unter den führenden Industrienationen belegen. 

Geringe Identifikation mit dem Arbeitgeber

Nur 15 Prozent der Arbeitnehmer sind hierzulande (in den USA sind es 33 Prozent) emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden und entsprechend motiviert bei der Arbeit. Um eine Plattitüde zu benutzen: Gerade mal jeder sechste Arbeitnehmer brennt für seinen Job. Genauso viele haben bereits innerlich gekündigt und die große Mehrheit von 70 Prozent schiebt Dienst nach Vorschrift…“

Quelle: Stern-Online, veröffentlicht am 22.03.2018, Stand: 30.09.2018

Für mich ist ziemlich erschreckend, was so eine Situation langfristig in einem Menschen Negatives bewirken kann.

Wohl dem, der ein Zusatzeinkommen hat und ohne seine wirtschaftliche Existenz zu gefährden theoretisch ganz oder zum Teil gehen kann.

Klar, die Einsicht, überhaupt in so einer extremen Lage zu sein, ist schwer. Vermutlich gelingt es den Wenigsten. Zusätzliches Problem: Wenn bei den Arbeitskollegen zum Beispiel auch nur  „Dienst nach Vorschrift“ geschoben wird (Vergleichsfalle), erkennst du das selbst vielleicht noch schwerer, weil du das für „normal“ hältst.

d) Selbstverwirklichung

Zugegeben, schmaler Grat zum von mir eingangs eher kritisierten hedonistischen Motiv. Aber wenn du leidenschaftlich Sport machst, künstlerisch tätig sein willst, verliebt in Musik bist oder andere Leidenschaften hast, dann kannst du diesen viel intensiver nachgehen, wenn du ein passives (Zusatz)Einkommen hast. Dies korrespondiert mit dem vorher genannten Vorteil: Wenn du deine Arbeitszeit reduzieren kannst (und darfst), dann bleibt dir natürlich mehr Zeit für andere Dinge.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man ein positives Menschenbild hat und beim Menschen eine generelle Unternehmungslust und Wille zum persönlichen Wachstum unterstellt. So argumentieren übrigens auch die Befürworter der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland. Auch das ist im Prinzip „finanzielle Freiheit“ pur.

Das sind in meinen Augen die 4 gewichtigsten Vorteile finanzieller Freiheit durch ein passives Einkommen. Vielleicht fallen dir noch welche ein, dann lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Kommen wir aber nun zum Eingemachten:


5. Wieviel Geld benötigt man für finanzielle Freiheit?

Absolut wichtiger Knackpunkt: Wieviel Geld brauche ich eigentlich für finanzielle Freiheit? Anders gefragt: Wann bin ich finanziell frei?

Hier gibt es sehr viele unterschiedliche Ansätze. Ich persönlich gehe von finanzieller Freiheit dann aus, wenn du es schaffst 500.000 Euro oder mehr zusammenzusparen und dieses Geld dann gewinnbringend investierst und von den Erträgen leben kannst.

In der Theorie solltest du dann jedes Jahr 4 Prozent davon entnehmen können, ohne dass dein Kapital schrumpft, bzw. es wächst sogar langsam weiter. Eine so genannte „ewige Rente“ von etwa 2000 Euro/Monat. Klingt gut, ist gut. Aber eben nur in der Theorie.

Niemand weiß, was in den nächsten Jahren noch so kommt. Vielleicht wächst die Wirtschaft nicht mehr, weil die Menschheit umdenkt und plötzlich nachhaltig lebt oder die Hälfte der Menschheit von einer Seuche dahingerafft wird?

Was wäre wenn…

Vielleicht existieren die großen Konzerne in den nächsten Jahren gar nicht mehr, somit nix mit der Dividende? Man weiß letztendlich nur eines: Sämtliche solche Szenarien sind Spekulationen und in Bezug auf die Vergangenheit natürlich Rückwärtsbetrachtungen.

Wenn du hier und heute 500.000 Euro zur Verfügung hast, kannst du das Experiment wagen und auf „passives Einkommen“ umstellen. Dir aber auf Sicht von 30 Jahren alles vom Mund abzusparen, dein Leben nur im zweiten Gang zu leben oder geizig/komisch/spießig zu werden, steht auf einem ganz anderen Blatt.

So ähnlich schrieb es auch mein Blogger-Kollege Holger Grethe, als er sich in einem Artikel kritisch mit dem Konzept der finanziellen Freiheit beschäftigt hat (zum Artikel).

Ist die finanzielle Freiheit also tatsächlich nur eine Illusion?

Ist die finanzielle Freiheit nur ein Taschenspielertrick, ein Luftschloss und Verarsche?

Soweit würde ich definitiv nicht gehen. Zu viele Menschen leben das Konzept schon heute erfolgreich vor. Als normaler Angestellter sie zu erreichen, ist aber nicht gerade realistisch. Zumindest wenn du es nur mit deiner reinen Sparleistung und krassen Entbehrungen erreichen willst.

Was aber durchaus möglich ist:

Dein Einkommen und dein Humankapital durch Fortbildungen zu steigern und von dem Mehrverdienst im Job deine Sparquote erhöhen. Dadurch vergrößerst du die Chancen auf finanzielle Freiheit dann doch erheblich. Diese Maßnahme funktioniert immer.

Andere Variante: Eine Nebentätigkeit starten oder eben durch passive Einkünfte die Sparquote hochdrehen. Der Zinseszinseffekt wird es dir danken. Eines Tages. Irgendwann.


6. Ist man dann tatsächlich (finanziell) unabhängig?

Viele werfen finanzielle Freiheit und finanzielle Unabhängigkeit in einen Topf. Aber wenn du finanziell frei bist, bist du streng genommen nicht gleichzeitig finanziell unabhängig. Auch wenn du Mieten/Dividenden/sonstige Einkünfte erzielst, können sich für dich mehrere Abhängigkeiten ergeben, auf die du zum Teil erschreckend wenig Einfluss hast:

So zum Beispiel Abhängigkeit von…

  • der Arbeitszeit anderer Menschen. Was wenn alle finanziell frei werden wollen und keiner mehr aktiv arbeiten will?
  • der Wirtschaft und deren Wachstum bzw. von steigendem Konsum. Was wenn die große Nachhaltigkeit Einzug hält oder alle frugalistisch leben?
  • politischer Stabilität und gleichbleibenden Verhältnissen. Was wenn wir einen Krieg erleben und der Staat zur Refinanzierung des Aufbaus das Kapital/die Immobilien der Menschen anzapft?
  • der eigenen Gesundheit. Was nutzt dir als finanziell freier Mensch dein Dividenden-Depot mit 2000 Euro/Monat Ertrag, wenn du alles aufbrauchen musst, um deinen Platz im Pflegeheim à 3000 Euro/Monat zu bezahlen?
  • Aktienmärkten die weiterhin so performen wie in den letzten 100 Jahren. Was wenn das nicht der Fall ist? Wenn du tatsächlich auf 20 Jahre sogar einen Verlust machen würdest?
  • deinem gegründeten Unternehmen und dessen weiterem Erfolg.

7. Wie realistisch sind die gängigen Rechnungen für finanzielle Freiheit?

Du siehst, so einfach ist das mit der finanziellen Freiheit dann doch nicht. Nix mit AMG Mercedes und 500 Euro-Scheinen als Feuerzeug. Neben den Abhängigkeiten gibt es dermaßen viele weitere Faktoren, die über Gelingen und Nicht-Gelingen entscheiden, dass pauschale Aussagen fehl am Platz sind.

Wichtiger Fakt ist meiner Meinung nach: Die gängigen Rechnungen sind stets Rückwärtsbetrachtungen, sodass Niemand wirklich wissen kann, was die nächsten Jahrzehnte kommen wird.

Wenn du die eingangs erwähnten 500.000 Euro erreichst, dann herzlichen Glückwunsch. Solltest du vorher im Lotto gewinnen, Gratulation. Wenn weder das eine noch das andere eintritt: Auch kein Beinbruch.


8. Alles nur Investmentpornographie?

Auch dies würde ich relativieren.  Hier hilft schon ein Blick auf das Rendite-Dreieck des Dax, welches du hier ansehen und herunterladen kannst. Es besagt, dass du in den letzten 50 Jahren bei einer Haltedauer von mehr als 7-8 Jahren du mit einem reinen Investment in den DAX-Index immer eine Positivrendite erwirtschaften konntest. Mit zunehmender Dauer wuchs die Rendite sogar in der Regel. Historisch betrachtet lagen die jährlichen Renditen für 20-Jahres-Anlagezeiträume im Schnitt bei rund 9 Prozent pro Jahr.

Problem aber auch hier: Es sind allesamt Rückwärtsbetrachtungen.

Zudem vergessen viele auch die Inflation. Wenn du mit einer durchschnittlichen Rendite von 7 Prozent bei Aktien rechnest, brauchst du tatsächlich 9% Rendite, um dein finanzielles Ziel zu erreichen.

Schaffst du das dauerhaft und möglichst verlässlich? Was wenn nicht, kippt dann deine gesamte Rechnung für die finanzielle Freiheit?

Übrigens…


9. Gibt es „Passives Einkommen“ überhaupt?

Meiner Meinung nach existiert so etwas wie ein passives Einkommen streng genommen überhaupt nicht. Am ehesten ist noch das reine Investieren in einen einzigen Welt-ETF (All World) am passivsten. Den kannst du theoretisch tatsächlich endlos monatlich besparen.

Wenn aber…

  • …dein ETF vom Markt genommen wird
  • …du bei mehreren ETFs auch noch rebalancen musst
  • …dich um das Reinvestieren deiner Ausschüttungen (wenn es kein Thesaurierer ist) selbst kümmern musst und diese manuell reinvestieren musst
  • …dein Broker plötzlich gar keine Sparpläne mehr anbietet
  • …du zusätzlich noch Einzelaktien im Depot hast

ist so manche passive Strategie dann plötzlich gar nicht mehr so passiv. Nunja, wenn du ähnlich tickst wie ich, dann sollte dir das aber trotzdem Spaß machen.

Fazit/ Sinn und Unsinn der finanziellen Freiheit:

Also nun, Butter bei die Fische. Wie sieht es aus mit dem Konzept der finanziellen Freiheit. Mythos oder tatsächlich erreichbar?

Hier stelle ich mich tatsächlich ausnahmsweise gegen die Meinung von dem von mir hoch geschätzten Gerd Kommer*. Für ihn ist das Konzept der Finanziellen Freiheit nämlich nicht seriös.

Ich halte es mit Einschränkungen für nicht unrealistisch, finanziell frei zu werden, wenngleich viele Faktoren von den meisten vermutlich nicht beachtet werden.

Gerd Kommer schreibt in einer Präsentation auf seiner Unternehmensseite (Quelle) im Endergebnis zum Thema Finanzielle Freiheit (FF):

„FF ist Marketing Hype von Buchautoren und Bloggern – und sollte ignoriert werden.“

„Wer mit seiner finanziellen oder beruflichen Situation nicht zufrieden ist, für den sind FF-Rezepte, realistisch betrachtet, nur Scheinlösungen, die häufiger schaden als helfen.“

„Wer meint, er habe den falschen Job, sollte sich einen passenderen suchen statt „auszusteigen““

Versöhnen wiederum kann ich mich mit folgender Erkenntnis, insbesondere dem Klammervermerk:

„Normale Arbeitnehmerhaushalte können durch Sparen und Investieren nicht „reich“

werden, sondern lediglich zu ihrer Altersvorsorge beitragen (was sie auch tun sollten).“

Wie ist mein Weg?

In diesem Sinne gibt es für mich persönlich folgende Lehren aus der Beschäftigung mit dem Konzept der finanziellen Freiheit zu ziehen:

  • Ich verfolge das Ziel weiterhin konsequent, aber nicht übertrieben engstirnig und vergesse das Leben im Hier und Jetzt dabei nicht
  • Ich mache es nur solange wie es mir Spaß macht
  • Da ich jetzt schon die Früchte ernten kann, habe ich für mich den Beweis erbracht, dass z.B. Dividendenerträge tatsächlich funktionieren
  • Ein passives Einkommen aufzubauen, das zumindest jedes Jahr den Jahresurlaub finanziert, ist ohne weiteres für jeden möglich. Es darf dann sogar mal nach Dubai oder Australien gehen.

Der Weg ist das Ziel…

  • Wenn man genug Zeit, Disziplin und passende Gesamtumstände mitbringt, halte ich nichtdestotrotz auch die Finanzielle Freiheit für Normalsterbliche erreichbar. Auch wenn vielleicht nur ergänzend mit anderen Einkünften wie z.B. der gesetzlichen Rente oder Mieteinkünften etc.
  • Auch wenn der Begriff Finanzielle Freiheit derzeit sehr inflationär gebraucht wird, ist dies aber kein Grund, auf ein relativ einfach umzusetzendes Zusatzeinkommen durch Aktien zu verzichten. Der Hype um die finanzielle Freiheit flaut irgendwann ab, die Dividendenerträge hingegen bleiben (und sollten sogar von Jahr zu Jahr steigen)
  • Der Weg ist das Ziel: Was am Ende für eine Summe aufm Papier steht, ist völlig egal. Auch ob man von dieser Summe leben kann ist sekundär.

Alleine durch die Beschäftigung mit dem Thema habe ich einen effizienten Umgang mit Finanzen gelernt, bin dankbarer für alles was ich habe, lebe bewusster, konsumiere gerner (da bewusster) und habe weniger Angst vor der Zukunft (Rente etc.). Da ich in meinem Hauptberuf gerne arbeite, darf es genauso auch bleiben bzw. weitergehen.

Alles andere wird die Zukunft zeigen…und später eben die Rückwärtsbetrachtung vom Sterbebett 😉

Ein Kommentar

  1. Die Inflation in Deutschland beträgt seit den 50er Jahren durchschnittlich sogar etwa 2,5 % und nicht 2 %, sofern ich richtig informiert bin. Daher würde ich für das Aktienportfolio mal mit einer 4-5-prozentigen Real-Rendite rechnen. Steuern gibt es ja auch noch, und die fallen auf den Nominalertrag an, leider.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.