Was bringt ein passives Depot mit 200.000 Euro an Cashflow?

In Zeiten von hoher Inflation, Krise und Krieg, kann ein stetiger Cashflow den Unterschied machen. Dieser Geldfluss beruhigt die Nerven ungemein, sorgt für finanzielle Flexibilität und auch steigende Gas- und Strompreise verlieren erheblich ihren Schrecken. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie denn ein solcher Cashflow für einen passiven Buy-and-hold-Anleger aussehen könnte. Damit das alles nicht nur graue Theorie ist, möchte ich in diesem Artikel einfach mal ein Szenario mit einem Depot in Höhe von 200.000 Euro durchrechnen. Du wirst überrascht sein.

Transparenzhinweis: Nachfolgendes Szenario stellt keine Anlageempfehlung oder gar -beratung dar. Es ist nur die Umsetzung einer Idee. Für dein Geld bist und bleibst du grundsätzlich selbst verantwortlich. Ich habe aktuell beide ETFs auch selbst im Depot, verfolge aber nicht die nachfolgende Strategie. Ich erhalte ferner auch keinerlei Vergütung für die Erwähnung dieser ETFs.

Die Ausgangslage – Depot mit 200.000 Euro

Nehmen wir mal an, du warst die letzten Jahre fleißig, sparsam und hast dein Geld clever investiert. Du hast die gängigen Ratschläge und Tipps allesamt beherzigt und dein Depot immer weiter gefüttert. Du hast dich nicht durch Meme-Stocks, Alt-Coins oder NFT-Scams von deiner Strategie abbringen lassen und sitzt heute auf einem stattlichen Depot mit einem Wert von 200.000 Euro.

Nun möchtest du alles vereinfachen, automatisieren und das ganze schon als Grundstock für die Rente benutzen, die dir schon heute zufließt. Du möchtest Cashflow aus deinem Depot und baust es aber gleichzeitig trotzdem immer weiter aus.

Nun, das ist möglich. Und darum geht es heute. Nehmen wir mal weiter an, du hast dich mit deiner Einzelaktien-Auswahl ziemlich verzettelt, zweifelst daher an der Dividendenstrategie und landest doch immer wieder nur unterhalb der Performance des MSCI World oder anderer Vergleichsindices.

Was kannst du tun und wie könnte das ganz realistisch und praktisch aussehen?

Zwei ausschüttende ETF für stetigen Cashflow

Wie wir in diesem Artikel hier bereits gelernt haben, sind ausschüttende ETFs erste Wahl, wenn es in erster Linie um Cashflow oder „passives Einkommen“ gehen soll. Wir möchten es möglichst simpel, global und diversifiziert haben. Einfach nur gut schlafen können, auch wenn die Welt drumherum durchdreht.

Wenn wir es wirklich einfach haben wollen, können hierzu zwei ETFs zu je 100.000 Euro ausreichen.

Im ersten Szenario kaufen wir die ETFs hier und heute für 200.000 Euro.

In einem zweiten Szenario mache ich die Was-wäre-wenn-Schachtel auf und wir schauen, was passiert wäre, wenn wir sie vor 5 Jahren gekauft hätten.

Ich würde mich in den Szenarien für folgende ETFs entscheiden:

1. Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (Dist) – WKN: A1JX52

Als aufmerksamer Leser weißt du bereits, dass ich riesiger Fan des globalen Schlachtschiffes aus dem Hause Vanguard bin. Sei es als ausschüttende Variante oder als Thesaurierer (A2PKXG). Wir möchten hier Cashflow haben, daher nehmen wir den Ausschütter. Dieser ETF enthält Industrie- und Schwellenländer und über 3000 Einzelaktien. Zugegebenermaßen sind für die Performance aber nur die ersten 50 wirklich relevant. Der ETF ist sehr populär, weshalb die Gefahr sehr gering sein dürfte, dass dieser „aufgelöst“ oder durch ESG-Schnickschnack verunstaltet wird.

Wie bei ETFs üblich erhältst du nicht nur Toptitel, sondern eben auch Gurken, die dann aber regelmäßig aussortiert und durch neue Unternehmen ersetzt werden. Alles streng nach Marktkapitalisierung gewichtet. Du hast darin große und mittelgroße Unternehmen weltweit. Dieser ETF bildet übrigens auch den Kern meiner Rürup-Rente.

2. Fidelity Global Quality Income ETF (Dist) – WKN: A2DL7E

Bei einer so hohen Summe macht es in meinen Augen Sinn, über ETF-Anbieter hinaus zu diversifizieren. Zwar gelten ETF gemeinhin als „sicher“, aber auch hier sollte man in meinen Augen nicht alle Eier in einen Korb, sprich eine Gesellschaft, legen. Dies dient der reinen Vorsicht. Lass dich hier nicht von Finanzbloggern oder angeblichen „Experten“, die von „Gefahren von ETFs“ warnen und im Prinzip nur Clickbait für ihren eigenen Kanal betreiben, verunsichern.

Der genannte ETF fokussiert sich eher auf Qualitätsunternehmen und verfolgt eine Dividendenstrategie. Auch im Fokus: Wachsende Dividenden. Er enthält dadurch wesentlich weniger Einzelaktien (ca. 239 Stück), was aber zumindest in den letzten Jahren zu einer leichten Outperformance des Vanguard geführt hat.

Wachsende Dividenden sind enorm wichtig, wenn man von seinem Depot zehren oder gar leben möchte. Dadurch hat man immer einen gewissen „Inflationsausgleich“ oder regelmäßige „Gehalts- oder Rentenerhöhungen“. Der Fidelity beinhaltet ausschließlich Titel von Industrieländern. Bislang konnte sich das Dividenden-Wachstum stets sehen lassen.

Der ETF ist im Vergleich zum Vanguard mit einer Fondsgröße von 241,76 Mio. € leider noch nicht ganz so populär. Hier hoffe ich, dass er noch stark wächst, was ebenfalls die Gefahr einer Auflösung etc. verringern sollte.

Aber kommen wir nun zu den beiden Szenarien:

Cashflow-Rechnungen der Szenarien

Stand heute (Schlusskurs vom 16.09.2022) kostet 1 ETF-Anteil des Vanguard ca. 97,68 Euro. Für 100.000 Euro erhältst du somit (gerundet) 1024 Stück.

Stand heute (Schlusskurs vom 16.09.2022) kostet 1 ETF-Anteil des Fidelity ca. 6,79 Euro. Für 100.000 Euro erhältst du somit (gerundet) 14.728 Stück.

Am 16.09.2017 kostete 1 ETF-Anteil des Vanguard ca. 74,91 Euro. Für 100.000 Euro hättest du damals (gerundet) 1335 Stück bekommen.

Am 16.09.2017 kostete 1 ETF-Anteil des Fidelity ca. 4,55 Euro. Für 100.000 Euro hättest du damals (gerundet) 21.978 Stück bekommen.

Vanguard FTSE All-WorldFidelity Global Quality Income
Gesamtsumme100.000 Euro100.000 Euro
Kauf 09/20221024 Stück14.728 Stück
Dividende 20222170,88 Euro (2,12 € / Anteil laut Schätzung 2022)3092,88 Euro (0,21 € / Anteil laut Schätzung 2022)
Dividende 2022 / Monat180,90 Euro257,74 Euro
Kauf 09/20171335 Stück21.978 Stück
Dividende 2018 (der Fidelity kam erst Mitte 2017 auf den Markt)2309,55 Euro (1,73 € / Anteil 2018)3076,92 Euro (0,14 € / Anteil 2018)
Dividende 20222830,20 Euro (2,12 € / Anteil)4615,38 Euro (0,21 € / Anteil)
Dividende 2022 / Monat235,85 Euro384,62 Euro
Anteilswerte 2022130.402,80 Euro149.230,62 Euro
Wertentwicklung und Entwicklung der Dividende (Quelle: extraETF)

Fassen wir also zusammen: Würden wir die ETFs JETZT für 200.000 Euro kaufen, würde uns ein passiver Cashflow in Höhe von ca. 438,64 Euro pro Monat zufließen. Dies entspricht einer Dividendenrendite von ca. 2,63 Prozent. Wie sich der Wert entwickeln wird, lässt sich schwer abschätzen, aber ich gehe davon aus, dass zusätzlich auch in den kommenden Jahren ein Wertzuwachs (Kurswachstum) stattfindet.

Hättest du die ETFs 2018 gekauft…

Richtig geschockt hat mich, was denn der Status Quo wäre, wenn wir die beiden ETFs im Jahre 2017 zu je 100.000 Euro gekauft hätten. Dann hätten wir 2022:

  • Einen monatlichen Cashflow von 620,47 Euro
  • Einen Gesamt-Depotwert in Höhe von ca. 279.632,62 Euro

An dieser Stelle musste ich nochmal alles nachrechnen, aber es dürfte tatsächlich stimmen. Es sind nicht nur die regelmäßigen, auf den Monat herunter gerechneten Dividenden seit 2018 stetig von 438,64 Euro auf 620,47 Euro (Wertzuwachs: 41,45 % / 10,36 % p.a.) gestiegen. Auch die Anteile der ETFs haben sich von 200.000 Euro auf 279.632,62 Euro (Wertzuwachs: 39,82 % / 9,95 % p.a.) verteuert.

Eine in meinen Augen doch sehr beeindruckende Performance. Kurswachstum plus Dividende plus Dividenden-Steigerungen, sowas macht Spaß!

Und das beste: Im Prinzip bekommst du den Cashflow lebenslang. Schon heute. Selbst wenn du nichts mehr zukaufst oder die Ausschüttung verkonsumierst. Kaufst du weiter zu oder reinvestierst du die Ausschüttungen zum Teil wieder, dann hebelst du die Rendite und die monatlichen Zahlungen natürlich weiter.

Wer braucht da noch private Renten- oder Lebensversicherungen?!

Zweite Miete als Cashflow

Du siehst also, du kannst bei so einem Cashflow schon fast von einer regelmäßigen Mietzahlung sprechen, die deinem Konto zufließt. Diese sollte auch weiterhin fließen, wenn es nicht zum Dritten Weltkrieg kommt. Aber selbst dann wärst du vermutlich mit diesen beiden ETFs weitaus besser unterwegs als mit riskanten Growth-Einzeltiteln, die dann allesamt über den Jordan gehen.

Natürlich kann man solch eine Strategie auch mit Einzeltiteln (Dividenden-Aristokraten) umsetzen oder man wählt andere ETFs (zum Beispiel reine Dividenden-ETFs). Auch habe ich dir in einem anderen Artikel eine ähnliche Lösung vorgestellt.

Das heutige Experiment sollte nur als Beispiel dienen, was man machen kann und was die Konsequenzen nach 4 Jahren gewesen wären. Zudem soll es ohne Geschäftsberichte wälzen und Einzelaktien checken funktionieren.

Ich persönlich gehe davon aus, dass auch die nächsten 4 Jahre am Aktienmarkt keine Nullrunden werden. Und selbst wenn: Die Ausschüttungen kommen dann trotzdem.

Zu diesen Terminen bekommst du dein Geld

Wichtig noch zum Schluss: Die monatlichen Beträge bekommst du natürlich nicht monatlich. Beide ETFs sind Quartalszahler. Beide decken sich aber gegenseitig ganz gut ab, sodass du tatsächlich an fast allen Monaten eine Zahlung erhältst.

  • Vanguard FTSE All-World: März, Juni, September, Dezember
  • Fidelity Global Quality Income: Februar, Mai, August, November

Du musst daher also mit 4 Monaten ohne Geldfluss auskommen, diese sind aber bei der Rechnung oben in dem Cashflow bereits berücksichtigt. Was ich nicht berücksichtigt habe, sind die Steuern, nämlich die Abgeltungssteuer.

Nach Ausschöpfen des Freibetrages von 801 Euro (2023: 1000 Euro) möchte Vater Staat seinen Anteil an deinen Ausschüttungen haben. Bei ETF bist du aber in einer steuerlich ganz guten Situation, da deine Gewinne teilweise freigestellt werden.

Kaufkosten habe ich in der Rechnung ebenfalls nicht berücksichtigt, da bei den heutigen Brokern schon Käufe zu 1 oder gar 0 Euro möglich sind. Mit ein Grund, wieso ich selbst auch einen zweiten Broker hinzugenommen habe (Hier ausprobieren*). Ich würde auch dir dringend zu einem günstigen und guten (!) Broker raten!

Fazit:

Mit nur zwei ETFs kannst du selbst ein sechsstelliges Depot auf Cashflow, Kurswachstum und Dividenden-Wachstum „programmieren“ und dann quasi im Autopilot weiterlaufen lassen. Hier musst du keine Geschäftsberichte Lesen, Unternehmen analysieren oder Zukunftsprognosen abgeben. Auch brauchst du keine teuren „Robo-Advisors“ oder „Vermögensverwalter„. Selbst Fachwissen erübrigt sich weitestgehend. Die beiden ETF und dein Broker regeln alles für dich.

Dennoch eine kleine Warnung zum Schluss: ETFs beinhalten zu 100% Aktien. Und Aktien schwanken. Teilweise auch stärker! Damit musst du umgehen können und dennoch Kurs halten. Ich denke aber, dass du mit solchen im Prinzip „Welt-ETFs“ dennoch recht sicher unterwegs sein wirst. Beim Vanguard hast du die Schwellenländer mit drin, falls diese wieder anziehen. Der Fidelity filtert ganz ordentlich, weshalb es extreme Krücken eigentlich gar nicht erst in den ETF bzw. Index schaffen sollten.

Insofern wäre ich mit einer solchen Zwei-ETF-Lösung mehr als tiefenentspannt.

Wie ist deine Einschätzung zu so einem Simpel-Depot? Ab sechsstellig lieber Einzelaktien? Oder bei hohen Summen gerade deshalb lieber zu ETFs greifen? Wie ist deine Meinung.

2 Kommentare

  1. Hallo Finanzguerilla, eine schöne Beispielrechnung! Zum einen gefällt mir, dass die Summe von 200.000 € zwar hoch, aber für viele noch realistisch erreichbar ist – im Gegensatz zu mancherorts angenommenen Millionenvermögen, die nur wenige Haushalte jemals anhäufen könnten. Zum anderen finde ich gut, dass du ein übersichtliches Portfolio gewählt hast, aber trotzdem dich nicht auf einen einzigen ETF beschränkt hast. Außerdem ist zum jetzigen Zeitpunkt der Rückblick eines vier-Jahreszeitraums vermutlich realistischer für ein Langzeitszenario, da mit dem Coronacrash und der derzeitigen kriegs- und inflationsgetrübten Bärenstimmung auch ein paar rote Monate berücksichtigt sind. Einzig fehlt bei deiner Betrachtung über den vier-Jahreszeitraum die Inflation: zwar liegt die monatliche Ausschüttung jetzt deutlich höher, doch aufgrund der Inflation sind auch die Lebenshaltungskosten gestiegen.
    Persönlich halte ich für langfristige sichere Investments ETFs für sehr sinnvoll, da sie einem viel Arbeit abnehmen. Bei größeren Summen kann sich aber natürlich irgendwann schon das TER eines ETFs bemerkbar machen: bei 200.000 € und einem TER von beispielsweise 0.5% (wie man es bei manchen Nischen-ETFs noch findet) käme beispielsweise die stolze Summe von 1.000 € an jährlichen Kosten zusammen, mit denen man die Vorteile eines ETFs bezahlt. Die von dir vorgestellten ETFs sind aber günstiger, und auch relativ zu den gesamten Ausschüttungen sind die Kosten weiterhin niedrig.
    Viele Grüße!

    1. Hi Benjamin,

      Danke für deinen Beitrag. Ja ich gebe dir Recht, bei einem sechsstelligen oder gar siebenstelligen Depot machen die laufenden ETF-Kosten durchaus etwas aus. Das ist aber nunmal schlichtweg der „Preis“ für die Bequemlichkeit des passiven Investierens. Ehrlicherweise muss man dabei aber auch sagen, dass in den ETF-Gebühren ja auch die Wechsel bzw. der Austausch der enthaltenen Aktien beinhaltet sind.

      Ich wage zu behaupten, dass es nahezu keine Anleger (außer vielleicht ein Tim Schaefer) gibt, die radikales Buy-and-hold mit Einzelaktien betreiben und diese NIE verkaufen / austauschen / nachkaufen. Dies kostet alles. Und seien es keine TRansaktionsgebühren (Neo-Broker), dann doch zumindest Spreads. Und diese können bei hohen Summen natürlich auch ins Geld gehen.

      Wer aber Einzelaktien kauft und diese nie mehr anrührt, fährt aber tatsächlich wesentlich günstiger als die ETF-Anleger. Ob das Depot dann aber auch dauerhaft gut performt und vor allem „besser“ als die ETF, steht auf einem anderen Blatt. Wenn die ETF aber trotz Gebühren besser performen, spricht das natürlich gegen ein Investment in Einzelaktien.

      Zum Thema Inflation gebe ich dir Recht. Aber in der aktuellen Zeit kann niemand zuverlässig die Inflation in Beispielsrechnungen integrieren. Heute sind wir bei 8%, in 2-3 Jahren vielleicht wieder bei nur 1% oder gar 13%. Das weiß seriöserweise niemand, daher habe ich sie bewusst rausgelassen.

      Das ist aber ein Grund mehr, der für ETFs oder Basiswerte spricht, die ihre Ausschüttungen regelmäßig auch erhöhen. Dadurch hat man zumindest einen gewissen Inflationsausgleich.

      Liebe Grüße!

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