Wenn der ETF plötzlich grün wird (ESG)

Heute geht es in diesem Artikel um einen ETF, der kürzlich seinen Index gewechselt hat. Leider nicht in meinem Interesse, sodass ich leider zur Handlung gezwungen war. Ich habe den ETF aus diesem Grund schweren Herzens aus meinem Depot entfernt. Das hat mir leider wieder vor Augen geführt, dass ETFs nunmal doch nicht immer das Rundumsorglospaket sind, die man unbeachtet Jahrzehnte im Depot liegen lassen kann. Ruckzuck kann etwas passieren und man ist zur Handlung oder Duldung gezwungen.

Was ist passiert?

ETF und der Index

Wenn du keine Ahnung von ETF hast und was diese sind, dann kannst du das bei Bedarf hier nochmal nachlesen. Es bleibt auch dabei, dass ich nach wie vor globale ETF zur Altersvorsorge empfehle. Trotzdem nochmal in aller Kürze:

ETF sind an der Börse gehandelte Fonds, die passiv einem bestimmten Index folgen und sehr kostengünstig sind. Die Aktienauswahl im Fonds wird nicht von einem Manager oder Team getroffen (wie bei teureren aktiven Fonds), sondern wird (meistens automatisiert) dem jeweiligen Index angepasst.

Wenn du einen ETF auf den DAX hast, der physisch nachbildet, dann besitzt du somit alle 40 Aktien des DAX in der jeweiligen Gewichtung des Index. Somit auch alle Überflieger, genau wie die Rohrkrepierer.

Für eine passive langfristige Anlage eignen sich ETFs aufgrund dieser Funktionsweise daher ziemlich gut (meiner Meinung nach).

Änderungen im Junior-Depot

Also kommen wir nun zu meinem spezifischen „Problem“ bzw. dem Problem meiner kleinen Tochter. Bekanntlich habe ich für diese ja im zarten Alter von wenigen Wochen ein Wertpapier-Depot für Kinder eingerichtet, welches ich monatlich für sie füttere. Da es diese Art des Depots nicht überall gibt, habe ich mich für das Junior-Depot bei der Consorsbank entschieden.

Hier kannst du dich bei Bedarf über diese Art des steuerfreien Depots informieren und direkt eines eröffnen: Junior-Depot bei der Consorsbank*

Wieso so ein Depot steuerfrei ist und was es dringend zu beachten gilt, kannst du ebenfalls oben im verlinkten Artikel nachlesen.

Also was war im Depot meiner Tochter geschehen?

Hilfe, mein ACWI wird grün!

Für das Depot meiner Tochter habe ich als Index für möglichst wenig Arbeit, eine möglichst passive Aufstellung ohne Rebalancing und einer sehr breiten Streuung den ACWI (All Countries World) gewählt. Weitere Infos zu den verschiedenen ETFs auf den ACWI findest du hier. Eine Alternative wäre der Vanguard FTSE All-World, der jedoch sogar ein wenig teurer ist als mein neu gewählter ACWI.

Es handelt sich hier also um einen global diversifizierten, riesigen Index aus Schwellenländern und Industrieländern. Ins Depot meiner Tochter schaffte es zunächst folgender ACWI der „Marke“ Xtrackers (Tochter der Deutschen Bank bzw. der DWS):

Xtrackers MSCI AC World Index UCITS ETF 1C (WKN: A1W8SB)

Soweit, so gut. Bei der Consorsbank war dieser ETF sogar seit der Geburt meiner Tochter kostenlos besparbar als Aktions-ETF. Sprich ohne jegliche Transaktionskosten. Ich war sehr zufrieden, der ETF performte sehr gut. Das Vermögen meiner Tochter wuchs.

Doch dann flatterte im September 2021 ein Terminanschreiben der Fondsgesellschaft in meinen Postkorb: Die Fondsgesellschaft plant, den zugrundeliegenden Index zu verändern!!!

Nun, zwischenzeitlich ist der Wechsel vollzogen und der ETF heißt nun:

Xtrackers MSCI AC World ESG Screened UCITS ETF 1C (WKN: A1W8SB)

Am Rest hat sich nichts geändert, auch könnte ich den „neuen“ ETF weiterhin kostenlos besparen. Was ich aber nicht tue. Doch dazu gleich mehr.

Das bedeutet der neue ESG-Index

Der ETF ist nun also „grün“ geworden. Sprich du bekommst nicht mehr repräsentativ einfach nur stupide die größten Aktien des ACWI nach Marktkapitalisierung, sondern diese werden nun auch noch nach „ESG“-Kriterien zusätzlich gefiltert. Das steht dafür, dass Unternehmen nach Umweltstandards (Environmental), sozialen Kriterien (Social) und der Unternehmensführung (Governance) bewertet werden.

Das führt mir wieder vor Augen, dass ETF mitnichten so unkompliziert und uneingeschränkt als „fire and forget“-Lösung taugen. Sie bergen durchaus auch Risiken für den Investor. Jederzeit kann der Index geändert werden und du musst deine Anlagestrategie danach ausrichten. Hier findest du weitere Gefahren von ETF.

Dieser Wechsel ist für mich nicht hinnehmbar! Nicht weil mir die Umwelt nicht wichtig wäre, ganz im Gegenteil! Aber immer wenn Unternehmen bewertet werden, steht ein Bewerter mit einer Agenda dahinter. Für mich sind die ESG-Kriterien schlichtweg zu schwammig formuliert.

Im Factsheet des „neuen“ ETF heißt es zum „neuen Index“ zum Beispiel:

MSCI ACWI Select ESG Screened Index

Der MSCI ACWI Select ESG Screened Index zielt darauf ab, die Wertentwicklung des
folgenden Markts abzubilden:
– Unternehmen mit hoher und mittlerer Kapitalisierung aus Schwellenmarkt- und
Industrieländern weltweit die im Vergleich zu ihren Mitbewerbern bessere ESG-Eigenschaften
und eine geringere Kohlenstoffemission aufweisen
– Wertpapiere von Unternehmen, die die folgenden ESG-Standards nicht erfüllen, werden
ausgeschlossen
: Unternehmen, die mit umstrittenen, zivilen und nuklearen Waffen und
Tabak verbunden sind, ein MSCI ESG-Rating von CCC oder kein Rating aufweisen, mit dem
Abbau von Kraftwerkskohle oder Ölsand und mit militärischen Waffen Umsatzerlöse erzielen
und Emittenten mit einem „roten“ (red) MSCI ESG Impact Monitor Score von unter 1.
– vierteljährliche Überprüfung
Weitere Informationen zur Index-, Auswahl- und Gewichtungsmethodik sind unter www.msci.
com verfügbar

Quelle

Sprich: Wenn es blöd läuft und die Unternehmen gewisse Kriterien nicht erfüllen, verzichtest du auf ganze Branchen wie Cannabis, Tabak, Waffen, Öl, Alkohol. Und das aus moralischen Gründen, die sich aber bei näherer Betrachtung gut und gerne als Heuchelei herausstellen können. Waffen sind schlecht? Auch wenn damit Tyrannen beseitigt und Menschenleben gerettet werden? Hm. Öl soll schlecht sein, dabei befördert es Milliarden von Menschen von A nach B.

Alkohol? Come on! In der Disko soll er ok sein, im Depot aber nicht?! Da rebelliert mein gesunder Menschenverstand. Aber abgesehen von diesen moralisierenden Bewertungen habe ich auch rechtliche Probleme mit solchen Standards.

In obiger Index-Beschreibung finden sich für mich nämlich viel zu viele unbestimmte Rechtsbegriffe. Das sind in juristischen Kreisen Begriffe, die interpretierbar sind und je nach Auslegung variieren. Ein Beispiel ist das obige Wort „umstritten„. Was bedeutet umstritten? Heutzutage ist nahezu alles umstritten.

Wer legt fest, was als umstritten gilt? Ist Apple umstritten? Oder Tesla? Sind chinesische Aktien umstritten?

Schlechtere Performance durch ESG?

Ich befürchte schlicht, dass wenn die Kriterien in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, dem Zeitgeist folgend, stetig verschärft werden, renditeträchtige Unternehmen eventuell aus dem ETF rausfliegen und die ETF Performance dadurch leidet.

Auch wenn dies nicht der Fall wäre (manche Stimmen behaupten ja sogar, dass ESG-ETFs besser performen als „normale“), ist es für mich einfach viel zu kompliziert, überhaupt noch einen Überblick über die enthaltenen Unternehmen zu behalten.

Andere wiederum haben herausgearbeitet, dass ESG-ETFs nicht unbedingt eine höhere Rendite abwerfen und im schlimmsten Falle sogar ein böses Erwachen durch schlechtere Rendite droht. Diese Position vertritt zum Beispiel auch ETF-Papst Gerd Kommer:

Fatal, wenn jahrzehntelanger Vermögensaufbau das Ziel ist und am Ende die Performance nicht stimmt. Hier entscheidet bekanntlich langfristig jedes Prozent (Zinseszins).

Wenn Apple zum Beispiel irgendeinen Bockmist baut und aus dem Index fliegen sollte, kriege ich das als passiver ETF-Anleger im Zweifelsfall gar nicht mit. Spätestens dann wenn ich sehe, dass die Performance von Apple fehlt, was in den letzten 10 Jahren sehr von Nachteil gewesen wäre.

Und überhaupt, wer legt die Ratings fest? Welchen Regeln folgen sie? Welche Lobbys beeinflussen die Ratings? Muss ich jetzt als Privatanleger auch noch die Entwicklung der Kriterien und der Ratings verfolgen?!

Nee, als passiver ETF-Investor möchte ich es einfach und pflegeleicht haben.

Fazit:

Was habe ich also getan? Kurzerhand habe ich schweren Herzens den Xtrackers ACWI-ESG durch einen „normalen“ ACWI der Marke „Ishares“ im Sparplan ersetzt. Dadurch dass das Depot ohnehin steuerfrei ist, blieb mir die Abgeltungssteuer durch den Verkauf der bisherigen ETF-Anteile glücklicherweise erspart.

Jetzt habe ich nur das Problem, auf einen geeigneten Zeitpunkt zu warten, um die freigewordene Summe, möglichst intelligent in den ishares ACWI umzuschichten. Somit bin ich als passiver Investor also in gewisser Weise zum Markettiming gezwungen.

Ärgerlich, da doch gerade die Philosophie des passiven Investierens auf Markettiming verzichtet.

Umweltschutz betreibe ich lieber weiterhin auf der Ebene meiner normalen Lebensführung durch den Verzicht auf überbordenden Konsum, bewussten Lebensentscheidungen und einem Fokus auf Nachhaltigkeit und Sparsamkeit in allen sonstigen Belangen. Hier lege aber ich meine Kriterien fest und keine undurchsichtige Lobby-Organisation der Fondsanbieter, der Politik oder von Umweltverbänden.

Wie stehst du zum Thema ESG? Kannst du meine Entscheidung nachvollziehen oder sagst du eher: Jetzt erst Recht den Xtrackers?

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