Aktienrente: (R)evolution der Deutschen Rentenversicherung?

Dieser Tage merkt man es besonders: Die heiße Phase des Wahlkampes hat begonnen. Auffällig häufig liest man derzeit von der Aktienrente und einer möglichen Reform der Deutschen Altersvorsorge. Während sich bei den meisten Parteien die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es so mit der Rente nicht mehr lange weitergeht, unterscheiden sich die gemachten Lösungsvorschläge doch drastisch voneinander.

Vor allem aus dem linken Milieu möchte man gerne an der dysfunktionalen und nicht mehr zeitgemäßen Rente festhalten. Dysfunktional deshalb, weil sie schon heute nicht mehr ohne Zuschüsse aus Steuermitteln auskommt (sprich staatlich subventioniert werden muss). Nicht mehr zeitgemäß deshalb, weil in den kommenden Jahren die Baby-Boomer in Rente gehen und nicht mehr genug Menschen geboren werden. Bismarcks kaiserliches Rentensystem (ja so alt ist unsere Rente schon) gerät hier also sichtbar an seine Grenzen.

Die Gesellschaft altert und immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner bezahlen, die dabei auch noch immer länger leben. Zu allem Übel finden global auch Disruptionen verschiedenster Art statt, sodass auch mit wegfallenden Arbeitsplätzen gerechnet werden muss.

So wurde letztes Jahr errechnet, dass alleine durch die Elektromobilität in der Automobilbranche bis zu 410.000 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen könnten.

Andere Branchen dürften folgen. Z.B. Teile des Einzelhandels, die Reisebranche, „Oldschool-Medienunternehmen“ etc.

Der Generationenvertrag wankt

War dieser Generationenvertrag die letzten Jahrzehnte stets ein Garant für eine verlässliche Altersabsicherung mit auch international gutem Ruf, muss dieses Konzept inzwischen kritisch hinterfragt werden. Auch verschiedene Bundesgerichte mahnen zu Reformen. Bei seiner Altersabsicherung ist Deutschland leider inzwischen ziemlich ins Hintertreffen geraten, wenn man zwischen den Staaten vergleicht, was beispielsweise einem Arbeitnehmer nach 40 Jahren Arbeit an Rente zufließt. Einen Vergleich gibts zum Beispiel hier.

Wenn die Gesellschaft nicht mehr wächst, die Zahl der Leistungsträger sinkt und die Zahl der Rentner steigt, funktioniert dieses System schon mathematisch nicht mehr lange.

Exkurs: Der Generationenvertrag besagt in etwa, dass die arbeitenden jungen Bevölkerungsschichten den Lebensabend der Rentner per Umlage finanzieren: Vereinfacht dargestellt: So wie es reinkommt, geht es wieder raus. Zwar werden Rücklagen gebildet, aber ein Produktiv-Kapitalpolster ist ein einem Umlagesystem nicht existent.

Nachteile der Gesetzlichen Rente

Zudem existieren auch weitere Probleme unseres aktuellen Systems. Die oben erwähnten Zuschüsse aus Steuermitteln müssen die Rente sichern: Nun bekommt aber leider nicht jeder Steuerzahler auch eine Rente. So zahlen Selbstständige zum Beispiel massiv Steuern, bekommen aber wenn es blöd läuft keinen Cent aus der Rentenversicherung.

Da dies offensichtlich unfair ist, wird auch immer wieder eine Altersvorsorgepflicht für Selbstständige gefordert. De facto besteht diese Pflicht auch schon für nahezu alle Arten der Selbstständigkeit.

Drogentherapie auf Kosten der Renten

Zudem werden die Rentenbeiträge der Menschen teilweise für sehr abenteuerliche Zwecke ausgegeben: Wusstest du zum Beispiel, dass Drogentherapien von Straftätern (die in nur wenigen Fällen überhaupt erfolgreich verlaufen) von der Deutschen Rentenversicherung bezahlt werden? Nicht etwa das Sozialamt zahlt, sondern der Rententopf aller einzahlenden Arbeitnehmer.

Glaubst du nicht? Hier wirst du eines Besseren belehrt. Zwar gibt es auch Ausschlussgründe und Bedingungen, dennoch bemerkenswert.

Ich würde es im aktuellen Zeitgeist auch nicht ausschließen, dass die Rentengelder bald auch für Klimaschutzziele herhalten müssen, wenn die Politik weiter so hemmungslos Schulden aufnimmt.

Aber genug gejammert. Welche Lösungsansätze gibt es nun?

Rentenalter rauf? Rente kürzen? Beiträge erhöhen?

Manche Parteien möchten das Renteneintrittsalter erhöhen, mehr Menschen in das System einbeziehen bzw. verpflichten (z.B. Selbstständige und Beamte) oder den Patienten auf andere Weise mit Blutkonserven, die an anderer Stelle wieder herausfließen, künstlich am Leben halten.

Man vernimmt leider keine bis wenige konkret sinnvollen Lösungen. Dabei würde ein Blick in Nachbarstaaten helfen: Als vorbildlich gelten beispielsweise die Sozialsysteme von den Niederlanden, Schweden oder Norwegen.

Alle genannten Staaten verbindet hierbei eines: Altersarmut ist dort kein wirkliches Problem. 40 Jahre arbeiten und mit 900 Euro Netto Rente abgespeißt werden? Dort nicht vorstellbar.

Für mich gibt es für die Rentenproblematik in Deutschland im Prinzip nur zwei Lösungen:

  • Altersvorsorge privatisieren (radikaler Schritt!) oder
  • Altersvorsorge (zumindest teilweise) auf Kapitaldeckung umstellen

Private Aktienrente?

Ich möchte mich hier keiner Illusion hingeben: Eine vollständige Privatisierung der Altersvorsorge, zumindest der Grundversorgung (erste Schicht), dürfte in Deutschland ausgeschlossen und nicht konsensfähig sein. Im übrigen wäre selbst ich hier dagegen. In gewisser Weise ist die Altersvorsorge Sozialstaatsaufgabe, wenngleich sie auch anders organisiert sein müsste.

Diese Lösung fällt somit weg. Rein privat bleibt vorerst nur der ETF-Sparplan oder (staatlich gefördert) beispielsweise eine Rürup.

Lesenswert: Ich habe eine Kombination aus beidem, nämlich eine ETF-Rürup abgeschlossen. Meine Beweggründe, eine Erklärung und hitzige Diskussionen in den Kommentaren gibts in diesem Artikel.

Auch ein Modell wie in den USA, wo die Arbeitnehmer in einem speziellen Depot traden dürfen wie sie mögen, halte ich in Deutschland für ausgeschlossen. Mit Eigenverantwortung und Risiko steht der Deutsche traditionell leider auf Kriegsfuß.

Was auch vielleicht besser so ist: Wieviele Anleger hätten sonst womöglich ihr Altersvermögen in Wirecard gesteckt und wären dann Fälle für die Sozialhilfe.

Es muss also eine andere Lösung her. Das Prinzip Aktienrente bleibt aber heiß.

Kombination aus Aktienrente und Umlageverfahren

Tatsächlich interessant finde ich eine Kombination aus einer Aktienrente und dem bisherigen Umlageverfahren. In meinem persönlichen Utopia könnte eine solche Rente in etwa so aussehen:

  • Die Arbeitnehmer und -geber zahlen weiterhin ihren Rentenbeitrag. Anstatt das gesamte Geld in die Umlage zu stecken, wird ein Teil (20-30 Prozent des Beitrags) in einen staatlich verwalteten globalen Aktienfonds mit geringsten Gebühren (z.B. passiv) und verfassungsrechtlicher Zweckbindung (!) angelegt. Ähnlich dem Norwegischen Staatsfonds oder der schwedischen Rente, die ebenfalls ohne Steuerzuschüsse auskommt und den Rentnern teilweise 8% p.a. Rendite beschert.
  • Jeder Bürger darf freiwillige Zuzahlungen in unbegrenzter Höhe leisten. Je höher die Einzahlung, desto höher auch der Solidareffekt, der allen Versicherten zugute kommt

Sofortige Auszahlung – nicht erst im Alter

  • Auf seine Aktienrente erhält jeder Einzahler das Recht auf sofortige Auszahlung eines geringen Teils des Gewinnes seiner (über die Jahrzehnte!) wachsende Rente. Sprich: Ein 18-jähriger Berufsanfänger erhält beispielsweise ab der ersten Einzahlung 2 Cent pro Monat Rente. Über sein Erwerbsleben gesehen, steigt diese Rente dann monatlich – und für ihn auf dem Konto sichtbar – an. In Abhängigkeit der Höhe seiner Einzahlungen. Ähnlich einem ausschüttenden ETF. Das würde motivieren! Alternativ könnte er wählen, dass seine anteilige Rendite automatisch neu investiert wird für den maximalen Zinseszinseffekt.
  • Das Geld wird ausschließlich verrentet, eine Kapitalauszahlung in einem Stück ist ausgeschlossen (analog Rürup). Hier müsste dann privat ergänzt werden (ETF-Sparplan, Versicherungslösungen)
  • Der Umlageteil würde hingegen wie bisher erst zur Rente oder ab einem zu definierenden Lebensalteron top“ dazu kommen. Hier kann man das Erreichen eines Grundbetrages (Grundsicherung) zur Voraussetzung für den Renteneintritt machen
  • Überschüsse und Rendite der Aktienrente stützen die Umlagerente, sodass keine Steuerzuschüsse mehr notwendig sind.

Motivation durch Aktienrente

Ich glaube, dass so ein Modell die Menschen tatsächlich motivieren würde, möglichst viel in ihre Rente einzuzahlen. Die Auswirkungen sehen sie dann im Hier und Jetzt, nicht erst in einer unklaren Zukunft. Zudem würde die Beteiligung am globalen Produktivvermögen das Interesse an Wirtschaft ggf. erhöhen.

Plötzlich wäre es den Menschen eben nicht mehr egal, was in der Welt passiert, solange nur der Gartenzwerg im Garten steht.

Zudem würde eine solche transparente Rente bei manchen den Ehrgeiz wecken, die Finanzielle Freiheit in Angriff zu nehmen. Rente wäre dann nichts Abstraktes im Alter mehr. Vielmehr wäre sie sofort greifbar und die Leute würden die eigene Lebenszeit vielleicht mehr wertschätzen.

Zudem könnte es Menschen auch beruhigen, etwa wenn sie eine bestimmte Schwelle der materiellen Sicherheit (frei nach Maslow) erreicht haben, sodass ihnen „nichts mehr passieren“ kann. Hier würden dann vermutlich die gleichen Dynamiken greifen wie bei dem Grundgedanken des Bedingungslosen Grundeinkommens.

Die Folge wäre dann vielleicht eine menschlichere und bewusstere Gesellschaft.

Fazit: Es muss etwas geschehen!

Die Probleme der Rente liegen also auf der Hand. Die Gerichte drängen die Politik seit Jahren zur Handlung. Passiert ist wenig bis nichts. Die letzte große Reform der Altersvorsorge war 2005 mit dem Altersvermögensgesetz (AVmG), welches den Grundstein zu unseren 3 Schichten der Altersvorsorge legte. Ja, leider auch den Grundstein zum leidigen Thema Riester-Rente, welche bald vermutlich abgewickelt werden muss, um die Anleger zu schützen, haben die Politiker so gelegt.

An das Umlagesystem an sich, an die Geldverwendung oder die Fragen der mathematischen Demografie, sprich dem Generationenvertrag, haben sie sich bisher nicht heran getraut.

Eine Aktienrente geht daher in meinen Augen in die richtige Richtung. Mit einer Aktienrente würden die Menschen endlich demokratisch teilhaben am Produktivkapital der Wirtschaft und vielleicht dabei auch falsche Ansichten über Aktien und Moral ablegen.

Wenn diese Aktienrente dann auch noch ethischen Anlagezielen (siehe Norwegen) folgt, dürften vermutlich nur noch ein harter Kern Ewiggestriger dieses Konzept in Frage stellen.

Mehrere Parteien offen für das Konzept der Aktienrente

Ein Umstand macht mir Hoffnung: Sogar die Grünen scheinen sich mit der Idee einer Aktienrente anfreunden zu können, wenngleich sie die Erwähnung von „Aktien“ natürlich vermeiden, um ihre Stammwählerschaft nicht zu verprellen. Sie sprechen hier lieber vom „Bürgerfonds„. Klingt natürlich besser 😉

Wie ist deine Meinung zum Thema Aktienrente? Gefallen dir die Konzepte von z.B. der FDP oder den Grünen? Was würdest du als Politiker machen?

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3 Kommentare

  1. Hallo Finanzguerilla-Team,

    Sehr starker Artikel! Danke dafür. Sehe das Problem auch in der deutschen Mentalität und dem Vollkasko-Denken heutzutage. Dabei liegt wie immer der Reiz und die Würze im Leben im Risiko.

    Grüße, David

  2. Ein paar historische Anmerkungen: Das Umlageverfahren wurde angewandt, um sofort Auszahlungen tätigen zu können (was es u.a. nach den Weltkriegen mit allen damit zusammenhängenden Zerstörungen erlaubt hat, überhaupt Renten (weiter-) auszuzahlen), dazu kommt, daß das ursprüngliche Rentenalter von 65 Jahren über (!) der damaligen, durchschnittlichen Lebenserwartung lag – heute wäre ein analoges Alter irgendwo zwischen 80 und 90 Jahren anzusetzen und politischer Selbstmord 😉

    So, nun ans Eingemachte:
    Natürlich könnte man einen Staatsfonds (wie Norwegen) oder ein ganzes Bündel an Fonds (wie Schweden, mit einem „Default“-Fonds) auflegen und mit einem Teil der Einzahlungen dotieren (z.B. 4% pro Jahr) und entsprechend auch anteilige Auszahlungen aus den Gewinnen vornehmen (und dafür die Renten aus dem Umlageanteil entsprechend kürzen). Damit hätte man eine kostenneutrale Lösung, die schrittweise über die nächsten 25 Jahre das Umlageverfahren komplett eliminiert. Ausnahmen gäbe es natürlich keine: Beamte, Selbständige usw. müssen ebenso einzahlen und kriegen entsprechend ihrer Einzahlung dann eine Auszahlung aus diesem Topf: Wer mehr einzahlt (ohne Ober- oder Untergrenze und ohne Mindest- oder Höchstdauer) kriegt auch mehr raus, aber die Auszahlungen schwanken eben (ein Glättungsfaktor analog zu britischen Lebensversicherungen wäre sicher sinnvoll). Das eigentliche Kapital wird nie angegriffen und vermehrt sich laufend.

    Dazu käme noch eine aus Steuermitteln finanzierte Basis-/Mindestrente, das wäre der Sozialanteil und der sollte sowieso steuerfinanziert sein (was beim jetzigen Umlageverfahren verschleiert wird).

    Zu einfach? Sicher. Da würde ein Haufen gutbezahlter Nasenbohrer-Posten wegfallen…

    Und die ganze Lobbygruppen, die nach dem Floriani-Prinzip alles ablehnen, was der eigenen Klientel auch nur einen Cent an „Ansprüchen“ kostet, würden diese Lösung bis aufs Blut bekämpfen.

    Realistisch erscheint daher maximal ein eigenes Rentenkonto analog zum 401(k). Wäre jedenfalls wesentlich besser als Riester oder ähnlicher Schrott wie Bausparen oder Lebensversicherung. Werden wir das noch erleben? Ich bin skeptisch. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als der Durschschnittsmichel in den Aktienmarkt *ggg*.

    1. Hallo Tomj,

      Danke für deinen Beitrag, der hoffentlich anderen Lesern hilft, die Historie unserer Rente etwas besser abzuschätzen. Und vielleicht auch deren Zukunft.

      Ansonsten kann ich deinen Ausführungen nur zustimmen. Insgesamt wäre ich aber nicht ganz so pessimistisch, da jetzt immerhin auch juristisch Druck auf die Regierung aufgebaut wird. Wo juristisch Druck ausgeübt wird, besteht irgendwann auch die Möglichkeit, Dinge juristisch überprüfen zu lassen.

      Falls im September auch eher „junge“ Parteien wie die FDP, Grüne oder Freie Wähler in größere Verantwortung kommen, dürfte dort auch der Druck der jeweiligen Parteijugend dazu beitragen, dass sich etwas tun muss.

      Hoffen wir nur, dass sich dann auch etwas Sinnvolles tut und das Olaf Scholz hierbei ziemlich wenig mitzureden haben wird. Allenfalls wird es dunkel für Deutschlands Jugend 🙂

      LG

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