Aktien und Moral

Heute möchte ich mich mal über das wichtige Thema Aktien und Moral bzw. Moral beim Investieren auslassen. Wenn man sich wie ich leidenschaftlich gerne mit den Themen Börse und Finanzen beschäftigt, dann hat man meistens ein großes Problem: Es fehlen oft adäquate Gesprächspartner.

Entweder man erwischt die kapitalismuskritischen Dauerpessimisten, die Aktien, Geld und die Wirtschaft generell ablehnen oder man stößt einfach nur auf taube Ohren aufgrund Unwissens bzw. mangelndem Interesse an der Thematik. Frei nach dem Motto: Börse = so unangenehm wie Versicherungen *würg*.

Ich muss also immer mal wieder feststellen, dass nicht Jeder ein riesiger Freund von Aktien und Geldanlage generell ist. Besonders oft wird da (typisch deutsch) die moralische Keule geschwungen und Aktien als Teufelszeug, Casino, Spekulation und Glücksspiel bezeichnet. Aktien seien unmoralisch und beuten die armen Arbeiter aus. Angeblich „leistungsloses Einkommen“ wird hier immer gerufen.

Nachfolgend möchte ich nun mal meine Gegendarstellung zum besten geben.

Moralische Sinnfrage

Nicht nur die Generation Y treibt ja bekanntlich die Sinnfrage um. Alles muss heutzutage einen Sinn, einen Purpose, haben und zur eigenen Linie im Leben passen. Seien es Work-Life-Balance, der Arbeitsplatz, der Freundeskreis oder das vorbildliche Verhalten der Umwelt gegenüber.

Vermeintlich Alles steht unter dem Stern eines großen „Warum?„. Auch das Thema Aktien und Moral bzw. die moralische Geldanlage rückt hierbei gefühlt immer öfters in den Fokus. Geldanlage muss also auch einen Sinn haben und ein starkes „Warum“. Über den Sinn eines passiven Einkommens durch Aktien habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben.

Über Aktien und Moral wird also gefühlt immer öfters gesprochen, somit zum Teil auch ziemlich kontrovers.

In Aktien zu investieren ist unmoralisch

Meine letzte Diskussion diesbezüglich hatte ich mit einem Gesprächspartner, der so gar nicht mit den Äußerungen von Friedrich Merz einverstanden war, wonach die Aktienanlage auch staatlich zur Altersvorsorge gefördert werden sollte, um Altersarmut zu bekämpfen. Sofort schrie natürlich medial das linke Parteienspektrum auf und empörte sich ob solcher neo-liberalistischen und kapitalistischen Äußerungen. So auch leider mein Gesprächspartner.

Da wird dem Herrn vorgeworfen, seinen ehemaligen Arbeitgeber Blackrock noch reicher machen zu wollen und nur „Werbung“ in eigener Sache zu betreiben. Nein, der [dumme] Deutsche soll lieber beim Sparbuch seiner moralisch einwandfreien Orts-Kreissparkasse bleiben und sich vom Börsenparkett der Milliardäre und bösen Eliten fernhalten. Das meine ich immer wieder zwischen den Zeilen herauszuhören.

Dass ich daher auch bewusste Manipulation dahinter vermute, habe ich bereits an anderer Stelle mehrfach schon erwähnt.

Aber ist es wirklich unmoralisch, in Aktien zu investieren? Meine Meinung dazu ein ganz klares NEIN. Begründung folgt.

Aktien als basisdemokratische Teilhabe am Produktivkapital

Öh, wie bitte, was? Ja, meiner Meinung nach ist die direkte Beteiligung an guten Unternehmen eine sehr basisdemokratische Angelegenheit, die JEDEM offensteht. Mir konnte es bislang noch Niemand schlüssig erklären, wieso es denn auf der einen Seite ok und erwünscht sein soll, wenn man als Angestellter

  • einen Großteil seiner Lebenszeit in „seiner“ Firma verbringt,
  • von der Firma hierfür Geld bekommt und dadurch sein Leben bestreiten kann,
  • der Firma dadurch seine Gesundheit (Arbeitgeberanteil GKV) und komplette wirtschaftliche Existenz (Gehalt) und Altersvorsorge (Betriebsrenten etc.) verdankt

es aber auf der anderen Seite unmoralisch sein soll, als Angestellter Aktien „seines“ Unternehmens zu kaufen.

Auf der einen Seite bist du doch einerseits überzeugt von deiner Firma, sonst würdest du dort (hoffentlich) nicht arbeiten, oder? Andererseits erwirtschaftest du als Mitarbeiter die Gewinne der Firma. Wieso solltest du dann nicht auch noch an den Gewinnen direkt in Form von Dividenden beteiligt werden?

Dort arbeiten und abrackern und die Firma gut finden, ja bitte! Dividenden und sich direkt an ihr durch Aktien wirtschaftlich beteiligen aber nein? Verstehe ich nicht.

Wenn du an deinem Unternehmen grundsätzlich zweifelst oder du das Geschäftsmodell und somit auch die Beteiligung daran durch Aktien unmoralisch findest und ablehnst, dann solltest du kündigen. Zum Wohle deines Karmas und deiner Lebenszufriedenheit.

Aber laber nicht von den unmoralischen Aktien und dass du als Mitarbeiter zugunsten der Aktionäre* ausgebeutet wirst.

Kleiner Exkurs in diesem Zusammenhang zum Thema Aktionäre:

Aktionäre haben deiner Firma seinerzeit Kapital zur Verfügung gestellt, wovon deine Firma Mitarbeiter (wie dich) eingestellt hat, Maschinen gekauft hat oder generell expandieren konnte. Andernfalls gäbe es die Firma vielleicht gar nicht mehr. Wenn du also gegen Aktionäre bist, dann sägst du strenggenommen auch am Standbein deines eigenen Unternehmens. Wer letztendlich gerade die Aktien hat, entscheidet sich an der Börse und ist der Firma im Grunde auch egal.

Im Gegenzug für die Ausgabe der Aktien hat deine Firma also Geld bekommen. Das Zur-Verfügung-Stellen von Geld und das Eingehen von Risiken ist also die „Leistung“ hinter dem vermeintlich „leistungslosen“ Einkommen durch Aktien. Für das Geld wiederum haben die Aktionäre ihrerseits Leistungen vollbracht im Sinne von ihre Arbeitskraft zur Verfügung gestellt (z.B. als Arbeitnehmer).

Einen lesenswerten Artikel, der sich ebenfalls mit dem Thema Moral und Geldbesitz beschäftigt findest du hier.

Unmoralische Geschäftsmodelle

Anders kann es aussehen, wenn du tatsächlich moralische Einwände gegen das Geschäftsmodell einer Firma im Gesamten hegst und dich daher – weder als Arbeitnehmer, Konsument oder Aktionär – an ihr beteiligen möchtest. Das kann zum Beispiel bei Firmen der Fall sein, die in folgenden Branchen tätig sind:

  • Rüstung
  • Nahrungsmittel
  • Rohstoffe (z.B. Ölfirmen)
  • Tabak
  • Alkohol
  • Unterhaltungselektronik

In diesen Fällen kann ich nachvollziehen, dass manche Privatanleger die Finger davon lassen und dies mit moralischen Bedenken hinsichtlich der Geschäftspraktiken begründen. Kann ich grundsätzlich so auch akzeptieren. Freiheit heißt ja, dass Jeder selbst entscheiden darf.

Aber eines ist in diesem Zusammenhang unbedingt zu beachten, damit man sich nicht selbst belügt:

Das Unternehmen hat keinerlei Nutzen davon, wenn du dir als Privatanleger deren Aktien ins Portfolio packst! Im Gegenteil.

Das Geld der Investoren erhielt das Unternehmen bereits beim Börsengang bzw. bei einer Kapitalerhöhung durch Ausgabe weiterer Aktien. Der „Sündenfirma“ ist es also völlig schnuppe, wo die Aktien sind und ob ausgerechnet du nun Aktien über die Börse gekauft hast oder nicht.

Im Gegenteil: Man könnte es auch so sehen: Man kauft sich Aktien dieser umstrittenen Firmen und betrachtet die gezahlte Dividende als eine Art Strafsteuer von der der Anleger dann aber profitiert. Man nimmt des Unternehmen also einen Teil seiner Gewinne „weg“ und kann damit andere Dinge tun, die einem eventuell moralisch sinnvoller vorkommen.

Dennoch kann ich es nachvollziehen, wenn Anleger solche Firmen meiden, auch wenn ich mich eher an der obigen Argumentation orientiere.

Meine Meinung zu unmoralischen Investments

Ich persönlich habe daher auch kein Problem damit, auch in angeblich unmoralische Unternehmen zu investieren. Letztendlich trenne ich Moral und Investments strikt. Warum? Letztenendes entscheidet für mich die Rendite einer Anlage. Das klingt jetzt wirklich abscheulich, ignorant und ich kann es nachvollziehen, wenn sich dir hier gerade die Nackenhaare aufstellen, aber lass mich erklären:

Ich habe meine eigenen sehr festen moralischen Standards, denen ich tagtäglich in meinem Leben folge. Dinge die mir wichtig sind und ich unterstütze, werden von mir unterstützt – unabhängig von meiner Geldanlage. Wenn ich nun mehr Geld verdiene mit meinen Investments, habe ich wiederum mehr Geld, um meine Umgebung positiv zu prägen und mein Leben entsprechend meiner Werte freier zu gestalten. Überlede dir doch mal folgendes:

  • Wieso solltest du ein Smartphone benutzen, dich aber nicht an der Firma die es herstellt über Aktien beteiligen und von den Gewinnen profitieren?
  • Wieso solltest du (oder der ÖPNV) jeden Tag Benzin oder Diesel verbrauchen und dich dann aber nicht an einer Firma beteiligen, die diesen Rohstoff zur Verfügung stellt?
  • Manche Nahrungsmittelkonzerne beuten die Umwelt aus. Richtig. Aber wenn ich z.B. der Meinung bin, dass weltweiter rein biologischer Anbau keine 8 Milliarden Menschen satt machen kann, wieso sollte ich dann nicht in die Nahrungsmittelkonzerne investieren? Immerhin kann ich als Aktionär auch mein Stimmrecht auf der Hauptversammlung wahrnehmen und dadurch die Firmen ein Stück weit mit in meine moralische Richtung lenken. Funktioniert nicht auch Demokratie auf diese Weise?

Fazit: Eine Frage der Moral

Du siehst, ein heikles Thema. Was halte ich abschließend also fest?

  • Aktien sind vom Grundsatz her nicht unmoralisch, sondern im Gegenteil: Basisdemokratie pur, an der JEDER teilhaben kann. Siehe hierzu folgenden Artikel: Wieso Guerilla sein?.
  • Manche Geschäftsmodelle können als moralisch bedenklich angesehen werden, hier muss Jeder selbst entscheiden, wie er dazu steht und ob er diese Firmen in seinem Depot haben möchte
  • Ich persönlich trenne Investments klar von meiner Moral, ohne Letztere jemals zur Disposition zu stellen oder aufzuweichen.
  • Von einer hohen Rendite kann ich mein eigenes Leben freier gestalten und z.B. mehr Geld spenden für Dinge die ich unterstützenswert finde. Mit einer „moralisch einwandfreien“ aber niedrigen Rendite, habe ich auch weniger zum Spenden bzw. das Leben frei zu gestalten. Die Frage ist nun, auf welche Weise ich einen größeren Teil zum Besseren der Welt beitrage? Für mich ist die Antwort klar.
  • Wer heiliger als der Papst unterwegs sein möchte, der darf das gerne tun, dann aber bitte bis in die letzte Konsequenz. Nicht einfach wie die teils sahnehäubchenpickenden Moral mancher Minimalisten.

Gibt es 100% Moral überhaupt?

Im übrigen: Ich glaube nicht an DIE absolut ethisch-moralisch einwandfreie Institution. Jede Firma, jedes Unternehmen, jede Gemeinschaft, jeder Staat und jede Religion hat Dreck am Stecken. In letzter Konsequenz dürften wir also theoretisch dann gar nichts mehr konsumieren. Auch die Kirche müssten wir meiden und kein Auto mehr fahren. Ernährt wird sich nur noch aus dem eigenen Garten und sowieso:

Am besten auf eine einsame Insel auswandern und sich komplett von anderen Menschen fern halten. Und bei Hunger natürlich bloß keine Tiere auf der Insel essen…

Wer’s mag.

Weitere interessante Artikel, die sich mit dem Thema Aktien und Moral befassen:

5 Kommentare

  1. Ein wichtiges und interessantes Thema, über das ich auch viel nachgedacht habe. Gerade wer in ETFs investiert, nimmt ja durchaus in Kauf, dass er am Erfolg „böser Unternehmen“ (subjektiv) partizipiert.
    Ich sehe da im Wesentlichen zwei Hauptpunkte, von denen du einen auch erwähnt hast, den anderen möchte ich gerne noch zur Diskussion hinzufügen.
    1) Das Unternehmen hat keinen direkten Vorteil von meinem Investment. Klar, ein hoher Aktienkurs kann vorteilhaft sein, aber mein investiertes Geld fließt bei einem Aktienkauf an der Börse nicht in das Unternehmen. Das ist mir wichtig und das hast du ja auch geschrieben.
    2) Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, Geld von einem „bösen Unternehmen“ zu erhalten (Dividende oder Kursgewinn). Und ich persönlich sehe da kein Problem. Mir kommt das eher wie ein Schmerzensgeld vor. Es gibt viele Missstände in der Welt und ich kann vielleicht ein oder zwei aktiv verbessern. Mit allen anderen muss ich leben (Krieg, Umweltverschmutzung, mein Nachbar raucht auf dem Balkon und ich muss meine Fenster schließen…). Da kann ich persönlich damit leben, wenn ich wenigstens über die Dividende ein bisschen Geld von meinem Nachbarn bekomme.

    Wie seht ihr das?

    1. Hallo Gotlieb!

      Danke für deinen Kommentar. Ich finde deine Einstellung super und deine angebrachten Punkte vollkommen einleuchtend. Ich habe meinen Artikel daher auch etwas überarbeitet und diese Sichtweise (keinen direkten Vorteil des Unternehmens) noch deutlicher herausgearbeitet.

      In der Tat könnte man Dividenden von Sündenfirmen als eine Art „Strafsteuer“ oder wie du schreibst „Schmerzensgeld“ betrachten. Nur bekommt diese Steuer eben nicht der Staat sondern der Anleger, der dann die freie Wahl hat, was er mit dem Geld macht (Spenden, verschenken etc.).

      Moral und Investieren sollte man daher strikt voneinander trennen.

      Gruß

  2. DANKE für den ausgezeichneten Artikel. Klar, auch ICH habe Aktien nach meinen ganz persönlichen ethisch-moralischenb Vorgaben im Depot. Ob das bei allen Fonds/ ETFs so ist, kann man nur vermuten….
    Auf den Seiten von Obermatt wird dieses Thema u.a. übrigens auch sehr gut abgehandelt

  3. Schöner Artikel, der mir aber an einem Punkt nicht ganz richtig erscheint: Das Aktieninvestment bestätigt sehr wohl, die Firma, an der man sich beteiligt, in ihrem Kurs.

    Die Kauforder stützt den Aktienkurs der Firma und dieser ist für sie keineswegs egal, auch wenn das Geld natürlich nicht direkt an sie fließt. Im Falle einer Kapitalerhöhung orientiert sich das Geld, das die Firma erhält, aber schließlich an dem gegenwärtigen Kurs. Außerdem ist es immer Ziel des Vorstandes den Wert der Firma für die Aktionäre zu steigern und damit den Aktienkurs zu erhöhen. Davon hängen nicht selten auch die erfolgsabhängigen Anteile der Gehälter der Vorstandsmitglieder ab.

    Ob man sich dennoch an einem Unternehmen etwa aus der Rüstungsindustrie beteiligen möchte, bleibt die Entscheidung jedes Einzelnen. Ebenso, wie man die geringe Beteiligung an einem solchen Unternehmen über Fonds oder ETFs bewertet. Aber man sollte nicht glauben, dass das Aktieninvestment gar nicht mit der Realwirtschaft zu tun hätte.

    1. Hallo Chris!

      Danke für deinen Beitrag.

      Ich gebe dir Recht, natürlich spielt es für ein Unternehmen eine Rolle ob man ihre Aktien kauft oder nicht.

      Jedoch gilt dies eher für institutionelle Investoren, nicht für den Privatanleger. Der Artikel richtet sich eher an den Privatanleger. Eine Siemens-Aktie z.B. kann man durch den Kauf von wenigen Einzelaktien sicherlich nicht beeinflussen.

      Wenn man jedoch als institutioneller Fonds ganze Aktienpakete kauft, sieht das natürlich anders aus, dann bewegt sich der Kurs natürlich.

      Gruß

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