Reiche sind an allem schuld

Als ob es Ironie des Schicksals wäre. Aber derzeit beschäftige ich mich mit dem Mindset und dem Verhalten von Reichen und Superreichen und wieso es in der deutschen Gesellschaft überraschend viele Vorurteile gegen Reiche gibt. Eine Bevökerungsschicht mit vielen Fragezeichen. Wobei „Schicht“ schon ziemlich übertrieben ist, da der Anteil Superreiche an der Bevölkerung prozentual im – wenn überhaupt – einstelligen Bereich angesiedelt ist. Aber warum wissen wir eigentlich so wenig über die Superreichen?

Kaum beschäftige ich mich mit dem Thema, schon erscheint auf der „Wirtschaftswoche“ ein Schwerpunkt zu eben diesem Thema. Nun, ob es Schicksal oder Zufall ist, lasse ich mal offen.

Jedenfalls macht es meiner Meinung nach Sinn, diese Menschen einmal zu analysieren und objektiv die Vorurteile auf ihre substanzielle Berechtigung hin zu überprüfen.

Wann ist man Reich?

In Deutschland gilt statistisch als reich, wer als Single über ein monatliches Nettoeinkommen von 3100 Euro verfügt oder als Paar über ein Nettoeinkommen von zusammen 4600 Euro. Hier stoßen wir schon auf das erste Problem: Eigentlich sind statistisch gesehen sehr viele Menschen in Deutschland reich. Aber dies wird gerne von denen ignoriert, die sich andererseits dann gerne über die „Superreichen“ aufregen.

Was lernen wir daraus mal wieder? Statistiken sind immer so eine Sache. Wer würde sich denn mit solch einem Einkommen denn tatsächlich als „reich“ bezeichnen?! Eben. Wenn man von „Reichen“ spricht haben die meisten gleich Bilder von Champagner, Luxusyachten und teuren Klamotten im Kopf. Aber warum ist das so? Nunja, auch hier schlägt wieder die soziale Programmierung gnadenlos zu.

Darstellung in den Medien

Besonders in den Medien werden Reiche oder Superreiche gerne als niederträchtig, geizig, protzig, nicht integer, teilweise kriminell, raffgierig und verdorben dargestellt. Man denke nur an Walt Disney‘s Dagobert Duck* und wie unsympathisch er im Vergleich zum etwas trotteligen Donald Duck dargestellt wird. Donald Duck als Sinnbild für den „Otto-Normalkonsumenten“ – der aber die Sympathien auf seiner Seite hat – und Dagobert als geiziges und unsympathisches Sinnbild für Reichtum.




So zieht es sich durch nahezu alle Medien, Bücher, Erzählungen und Filme. Zuletzt ist es mir wieder aufgefallen, als ich den Bud Spencer und Terrence Hill Klassiker „Das Krokodil und sein Nilpferd“* gesehen habe. Der Reiche ist ein Kotzbrocken und beutet das arme Afrika aus und Buddy und Terrence sind die Redlichen, die sich ihm entgegenstellen. Wer erinnert sich nicht noch an die legendäre Szene beim Essen?

Egal welchen Film aus Hollywood man sieht: Der Böse ist in den meisten Fällen reich oder superreich. Der Held in vielen Fällen arm oder lebt zumindest bescheiden. Der Zuschauer soll sich mit dem „armen Held“ identifizieren und bloß nicht mit dem reichen Bösewicht.

Der Klassiker dahingehend sind auch immer die Filme mit James Bond. Die Reichen sind durch die Bank superreich und charakterlich verkommen, faschistoid und machthungrig. James Bond als Gegenspieler bezahlt seine teuren Martinis mit Geld vom Staat, ist selbst aber nie wirklich reich. Im Falle James Bond* wird sogar grundsätzlich verschwiegen, wie es eigentlich um die Finanzen des Geheimagenten steht. Seine Ausgaben sind immer nur Spesen des Königreichs.

Das System: Diffamierung

Nun, ich glaube tatsächlich, dass diese negativen Darstellungen System haben. Zum einen gilt es zu beachten, dass Kulturschaffende (Journalisten, Theater, Film) tendenziell eher dem linken Milieu zugeordnet werden können. Dass Reiche, Liberale oder der Kapitalismus* generell dort schlechte Karten hat, dürfte dadurch erklärbar sein. Was konkret aber beim Zuschauer und/oder Leser ausgelöst werden soll, darüber darf freilich spekuliert werden. Meine Theorie:

Wer im TV den ganzen Tag nur böse Reiche oder Klischee-Reiche wie die Geissens* gezeigt bekommt, wird notgedrungen dahingehend auch programmiert (vorausgesetzt der Medien-Konsument macht sich diese Manipulation nicht bewusst). Genauso wie er stets mit der redlichen und bescheidenen Heldenfigur konfrontiert wird, die am Schluss die Welt rettet. Oft ist der Held ein normaler Mensch aus dem Alltag, also jemand aus der Masse, eben ganz wie der Zuschauer selbst. Das sorgt für Sympathie.

Dadurch wird dem Zuschauer unterbewusst suggeriert: „Sei mit dem zufrieden was du hast. Reiche sind nur auf illegalen Wegen zu Reichtum gekommen. Bleibe redlich und gehe deinen (gemeint ist: gesellschaftlich vorbestimmten) Weg und du bist der „wahre“ Held“. Der Zuschauer, dem dies vorgelebt wird, akzeptiert plötzlich sein Standardleben, seinen Standardjob, seine Standardprobleme und seine Standardschulden aufs Eigenheim und konsumiert brav bis ans Ende seiner Tage. Immerhin ist er ja der moralische Held. Das beruhigt und nimmt ihm die Notwendigkeit, sein eigenes Leben zu hinterfragen und ggf. etwas an seiner vielleicht nicht wirklich zufriedenstellenden Situation positiv zu ändern (aus der Matrix ausbrechen) und sich zu wahrer Größe aufzurichten.

Reiche und Superreiche sind diskret

Trotz gewisser reicher „Medienhuren“ lebt der überwiegende Teil der Reichen und Superreichen sehr diskret und zeigt seinen Reichtum selten bis nie nach Außen. Das hat natürlich Sicherheitsaspekte als Hintergrund, immerhin möchte ja keiner, dass die eigenen Kinder wegen Lösegeld entführt werden.




Es hat aber neben den Sicherheitsaspekten auch gesellschaftliche Gründe, wie in einem aktuellen Interview zwischen der Wirtschaftswoche und dem Düsseldorfer Soziologe Thomas Druyen nachlesbar ist. Als Grund für die Verschwiegenheit vieler Superreichen wird beispielsweise angeführt:

„(…) Jetzt wäre es ja fantastisch, wenn man mit den Familien sprechen und auch die sie umgebenden Netzwerke analysieren könnte. Das ist aber ein unfassbar kompliziertes Unterfangen.

Und scheint gerade in Deutschland besonders schwierig. In kaum einem Industrieland weiß man weniger über die Vermögens- und Einkommenselite.

Verschwiegenheit und Diskretion sind in Deutschland in dieser Klientel stark verinnerlichte Tugenden, wenn es um private Vermögensverhältnisse geht.

Weil in Deutschland der ganz überwiegende Teil der Vermögenselite Familienunternehmer sind, die per se Verschwiegenheit gelernt haben?

Das ist der psychologische  Hintergrund. Es gibt auch einen historischen: Nach Bismarck wurde die Sozialproblematik in Deutschland auf den Staat verlagert. Deswegen ist es eine routinierte Überzeugung, dass man mit Zahlung seiner Steuern und einer freiwilligen Philanthropie der Plicht und der Kür genüge getan hat. Das ist auch der Knackpunkt, wenn es um Reichendiskussionen geht: Die unterschiedlichen Bewertungen gehen von ganz anderen Beurteilungen aus.

Der Superreiche als Sündenbock?

Ideologisch wird diese Karte immer wieder gespielt. Sie sehen es vor Wahlen, sie lesen es in politischen Programmen und hören es, je nach Interessenstruktur. Grundsätzlich wird der Unternehmer in Deutschland nicht allzu euphorisch gefeiert und hält sich demnach zurück. (…).“ (zum kompletten Interview siehe Link oben)

Fazit

Wie man es dreht und wendet, in Deutschland hat es einen negativen Touch wenn jemand reich ist. Besonders offensichtlich zu beobachten bei Äußerungen mancher deutscher Politiker. Zum Beispiel diejenigen einer Partei, die eine geografische Richtung im Namen trägt.

Bis sich dies ändert, wird wohl noch sehr viel Wasser die Spree entlangfließen. Vielleicht trägt tatsächlich die Digitalisierung und die neue Start-Up-Mentalität junger Menschen dazu bei, dass man Reichtum nicht mehr per se verteufelt, sondern etwas mehr zu differenzieren lernt. In anderen Bereichen wird doch auch immer ein möglichst hohes Maß an Vorurteilsfreiheit gefordert, wieso also auch nicht beim Thema Reichtum?!



3 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Beitrag. Tatsächlich spielt oft Neid eine sehr große Rolle. Vielen denken wahrscheinlich, dass reiche Leute ihr Geld illegal erworben haben. Fleiß, Disziplin oder auch Glück wird oft nicht gesehen.

    1. Fleiß und Disziplin spielt sicherlich bei manchen auch eine Rolle. Für die Meisten ist es aber eben dennoch eher die glückliche Geburt in die richtige Familien.

      Klar, in dieser Debatte wird viel auf populistische Art und Weise mit Klischees argumentiert, aber die zunehmende Vermögensungleicheit ist ja ein offensichtliches Problem; auch volkswirtschaftlich.

  2. Schön, dein Beispiel mit Bond. Ich habe mich auch schon bei der Frage ertappt, was verdient 007 eigentlich, um sich z.B. die Luxus-Uhr leisten zu können (gut, sie ist ja gesponsert …).

    Bei deiner Analyse stimme ich dir zu. Wenn der Spruch „Geld regiert die Welt“ positiv besetzt wäre, und mit Geld vor allem gute Dinge für alle geschaffen würden und nicht für wenige auf Kosten der Allgemeinheit, würden vermutlich viel mehr Menschen mehr Geld einfordern für ihre Arbeit.
    Durch den von Dir erwähnten Mechanismus fügen sie sich aber eher, fordern weder mehr Lohn noch mehr Teilhabe am Vermögen, das ja die Masse erwirtschaftet und nicht die wenigen, die es horten (können).
    Darüber habe ich mir in den vergangenen Monaten auch viele Gedanken gemacht. Ein Thema, das unbedingt auf die öffentliche Agenda gehört.
    Nice Day!

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