Den Job kündigen für die Leidenschaft?

Job kündigen für dein Hobby – eine gute Idee? Kürzlich habe ich einen interessanten Artikel auf businessinsider.de gelesen, in dem der Autor den Umstand anprangert, dass heutzutage angeblich vielen jungen Menschen der Floh ins Ohr gesetzt wird, sie sollten ihren regulären Job im Zweifel aufgeben, um ihrer inneren Leidenschaft zu folgen. Dies führe in jedem Falle zu innerer Ausgeglichenheit und Glück. Hierzu möchte ich heute mal Stellung beziehen und meine Sicht der Dinge darlegen.

Die Sache mit der Leidenschaft

Grundsätzlich bin ich auch der Überzeugung, dass jeder Mensch seiner Leidenschaft folgen sollte oder diese zumindest für sich finden sollte. Eine Leidenschaft zu verfolgen kann einer Midlife-Crisis vorbeugen oder andere positive Auswirkungen auf die Psyche haben. Das Gute dabei ist: Oft ist das Verfolgen der Leidenschaft ein Vorgang der automatisch abläuft, weil die meisten Menschen ja gerade die Dinge gerne und oft tun, die ihnen Spaß bereiten. Dadurch ist für Viele eine „aktive“ Suche nach der Leidenschaft gar nicht nötig, weil sie sie im Laufe ihres Lebens bereits gefunden haben und mehr oder weniger zeitintensiv verfolgen.

Allerdings besteht bei vielen Menschen heutzutage bei mir der Verdacht, dass sie in Wahrheit nicht ihrer Leidenschaft nachgehen, sondern sich oftmals mit Tätigkeiten ablenken, ja manchmal sogar regelrecht betäuben. Du hast beispielsweise mal ein Hobby angefangen und betreibst dieses seit deiner frühen Kindheit „aus Gewohnheit“. Regelmäßig jede Woche gehst du auf den Sportplatz kicken, spielst ein Instrument oder hast sonst ein ausgefallenes Hobby, einfach weil du es so gewöhnt bist.




Dies hat dann zur Folge, dass du an einem bestimmten Punkt nicht mehr besser in deinem Hobby wirst. Du gehst der Tätigkeit in erster Linie nach, weil du dich selbst darauf konditioniert hast. Durch regelmäßige Widerholung hast du deinem Gehirn gesagt „das muss ich jetzt machen, um mich besser zu fühlen“.

Wahre Leidenschaft kommt aber meiner Meinung nach von „Innen“. Du fühlst dich schlecht wenn du ihr nicht nachgehen kannst und empfindest die höchste Freude, wenn du ihr nachgehst. Diese Leidenschaft kann ein Hobby, eine Tätigkeit oder allgemein etwas sein, bei dessen Ausübung du in einen FLOW-Zustand kommst.

Was bedeutet Flow?

Der „Flow“ ist heutzutage ziemlich vom Aussterben bedroht. Wieso meine ich das? Den Flow-Zustand zeichnet insbesondere aus, dass du bei einer Tätigkeit völlig in ihr versinkst. Du verlierst dabei den Bezug zu Zeit und Raum und bist völlig und ausschließlich in der Tätigkeit an sich gefangen. Kein Smartphone, kein Facebook und kein soziales Hintergrundrauschen kann dich dabei ablenken. Wieso das heutzutage eher Mangelware ist? Nunja, sieh dir die Menschen heute an. Abgehetzt, von einer Ablenkung zur nächsten schwankend, unentschlossen, „hibbelig“, unkonzentriert und unentspannt. Die Mode-Diagnosen Burnout (bei Älteren) und  ADHS (bei Jüngeren) schonmal gehört? Inbesonders meiner Generation, der Generation Y, sagt man diese Unkonzentriertheit gerne und häufig nach.

Aber auch bei immer mehr Kleinkindern im Kindergarten und jungen Schülern wird immer öfters unterstellt, dass ihnen der „Fokus“ fehlt und sie sich nicht ausreichend konzentrieren können. Teilweise wird dies versucht mit Medikamenten wieder zu richten.

Leidenschaft bedeutet Fokussierung

Daher behaupte ich, dass der Leidenschaft nachzugehen Entspannung bedeutet. Selbst wenn du körperlich sehr stressige Leidenschaften wie (Kampf)Sport betreibst, solange du dabei fokussiert bist und bleibst, schonst du dein Gehirn und nutzt sein Potential, sich schwerpunktmäßig auf eine Tätigkeit zu konzentrieren. Es dient dem Stressabbau und beugt einer Alterung des Gehirns vor.

Gleichzeitig wirst du in der leidenschaftlichen Tätigkeit immer besser und wächst persönlich, eben weil du sie in jeder freien Minute gut und gerne ausüben möchtest. Du möchtest wieder in diese Welt der Entspannung eintreten und am liebsten gar nicht mehr in die Realität zurück.

Ok, vielleicht etwas zu schön gezeichnet. Aber ich bin mir sicher, du hast in deinem Leben auch schonmal eine solche Tätigkeit ausgeübt. Sei es auch nur, dass dich ein Roman in seine Welt gezogen hat.

Den Job kündigen wegen der Leidenschaft?

Also fassen wir nochmal zusammen: Jeder Mensch hat eine (oder mehrere) Leidenschaft, der er folgen sollte. Diese Leidenschaft sollte „wahrhaftig“ sein und keine antrainierte Gewohnheit. Nun gehen wir davon aus, dass du eben diese Leidenschaft in deinem Leben für dich gefunden hast. Solltest du nun alle Zelte abbrechen, deinen Job kündigen und nur noch dieser Leidenschaft folgen? Hm. Für mich ein zweischneidiges Schwert. Zwar würde jeder Motivations-Coach wahrscheinlich Dinge sagen wie „Komfortzone verlassen“, „etwas riskieren“, „das Geld folgt der Leidenschaft immer automatisch nach“ oder ähnliches.




Grundsätzlich glaube ich auch an diese Prinzipien. Allerdings halte ich die Aufgabe eines Jobs ohne Netz und doppelten Boden in der heutigen Zeit für sehr fahrlässig. Aber schauen wir uns mal die Pros und Contras an:

Gründe, den Job für die Leidenschaft aufzugeben

  • Der Job macht euch krank und er wird bei weiterer Ausübung euer Leben entscheidend verkürzen
  • Stupide, langweilige, nicht herausfordernde Tätigkeit in eurem Job
  • Eure Leidenschaft macht euch dermaßen Spaß, dass euch weniger Geld egal ist
  • Persönliche Erfüllung durch die Leidenschaft
  • Nutzung und Ausbau eurer Talente
  • keine familiären Verpflichtungen bzw. keine Übernahme von Fremdverantwortung (z.B. für Kinder) –> weiteres Leben im Stile eines „Teenagers“ möglich

Gründe, den Job für die Leidenschaft nicht aufzugeben

  • kein sicheres Einkommen mehr / weniger Sicherheit allgemein
  • keine Gewissheit, von der Leidenschaft leben zu können (z.B. wegen Marktsättigung)
  • Du vermischst dein Hobby mit deinem Beruf und hast keine klare Trennung mehr (heutzutage aber umstritten ob Vor- oder Nachteil!)
  • Du unterwirfst dich dem aktuellen Zeitgeist der „Selbstoptimierung“ um jeden Preis
  • Viele sind nicht der Typ für eine Selbstständigkeit in ihrer Leidenschaft
  • Du riskierst ein geringeres Einkommen und dadurch deine Sparquote und insgesamt dein Ziel der finanziellen Unabhängigkeit (falls dies dein Ziel ist)

Im Zweifel…ausprobieren!

Was hilft nun konkret? In deiner Situation? Keine Ahnung ehrlich gesagt. Ich kann dir aber von meinem Beispiel berichten. Ich habe über die letzten 12 Jahre ein ziemlich starkes Interesse für Wirtschaft/Börse/Finanzen entwickelt. Diese Themenfelder waren mir in meiner Kindheit/Jugend absolut fremd. Einen Auslöser für diese Leidenschaft gab es nicht, sie war einfach da. Ich hatte einfach die Idee, bei einem Online-Broker ein Depot zu eröffnen und mir für einen niedrigen 3-stelligen Betrag meine ersten Aktien zu kaufen.

Seitdem lese ich mehrere Stunden die Woche in Wirtschaftszeitungen, Artikeln und in diversen Facebook-Gruppen. So entstand auch völlig nebenbei die Idee für diesen Blog. Aber würde ich nun meinen Hauptjob kündigen, nur um voll und Ganz vom Bloggen zu leben? Nein, natürlich nicht. Durch meinen Blog kann ich neben dem Hauptberuf meiner Leidenschaft nachgehen und das völlig ohne Risiko oder Druck. Ich muss keine Umsätze von x-beliebiger Höhe durch Banner und Newsletter kreieren, nur um meine Rechnungen bezahlen zu können. Alles andere wäre für mich Stress und würde meine Leidenschaft durch die Professionalisierung zu sehr verzerren.

Wenn ich Lust und Zeit habe, einen Artikel zu schreiben, dann tue ich das. Wenn nicht, dann eben nicht. Ich bin mein eigener Herr.

Die Leidenschaft nebenher beginnen

Vielleicht wäre das auch ein gangbarer Weg für dich? Nicht den Job kündigen, sondern erstmal nebenher Erfahrung sammeln und einfach MACHEN. Nehmen wir an du bist begeisterter Gitarrenspieler. Was hindert dich, entsprechende Videos deiner Kunst auf Youtube zu stellen? Oder du bist langjähriger Kampfsportler, dann könntest du nebenberuflich als Trainer arbeiten. Direkt deinen Job kündigen, um eine Kampfsportschule zu eröffnen, nunja…da gehören ordentlich Eier dazu. Es kann klappen, muss aber nicht. Was auf jeden Fall weiter läuft, sind deine monatlichen Rechnungen und Lebenshaltungskosten. Und mit mangelndem Einkommen entfernst du dich vom Ziel der finanziellen Freiheit oder finanziellen Unabhängigkeit, je nach dem was dein Ziel sein mag.




Heutzutage wird jungen Menschen oft und gerne ein besonderes Bild in den Kopf gesetzt: Sitze mit dem Laptop am Strand und arbeite und lebe so deinen Traum. Habe keinen Chef außer dich selbst und lass dich nicht stressen. Problem wie so oft: Für viele hat das funktioniert. Dieser Markt der digitalen Nomaden ist aber inzwischen ziemlich gesättigt. Genauso die Heerscharen von Youtubern und Bloggern. Es gibt einfach immer weniger, die aus der Masse hervorstechen, bis auch diese Konzepte irgendwann sterben. Klar finden sich hin und wieder auch neudeutsch „Influencer“, die von ihrer Tätigkeit dauerhaft und auskömmlich leben können. Aber wirst du dazu gehören? Ich hoffe es für dich.

Fazit:

Leidenschaft ausüben – ja auf jeden Fall. Die Leidenschaft suchen – definitiv. Ablenkungen minimieren und Zeit für die (wahre) Leidenschaft schaffen – absolut. Den Job dafür kündigen? Eher nicht. Und wenn dann nur mit einem überzeugenden Business-Konzept, harten Zahlen und Fakten und einem Plan B für den Falle des Scheiterns. Nur weil es aber gerade Lifestyle und Zeitgeist ist? – Lieber nicht.

Wie stehst du zum Thema Job kündigen für die Leidenschaft?

5 Kommentare

  1. Hallo Finanzguerilla,

    einer Leidenschaft zu folgen ist auf jeden Fall sinnvoll. Das steht außer Frage. Sei es beruflich oder im Privaten.

    Ich möchte gerne noch was ergänzen. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die er sehr gut kann. Meist kann er mit diesen Fähigkeiten sehr gute Leistungen abrufen ohne große Anstrengung zu spüren – denkt man!

    Jeder Mensch hat diese Fähigkeiten. Aber nicht jeder Mensch setzt diese Fähigkeiten, die er sehr gut kann, auch gerne ein. Das kann im Job zu Unzufriedenheit führen. Dann zweifelt dieser Mensch an seinem Job, obwohl er sehr gute Leistungen erbringt.

    Fazit: Jeder Mensch sollte sich bewusst werden, welche Fähigkeiten er sehr gut kann und auch gerne einsetzt. Nur dann kann er mit dem Job zufrieden sein 😉

    VG, Alex

  2. Ha, Deja-vu Erlebnis!

    Dein Post erinnert mich in vielen Punkten an meinen Beitrag auf der Finanzbloggerkonferenz. Ich sehe es genau wie Du und denke, die stärkste Form der Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit ist es, etwas aus eigenem Antrieb zu tun oder auf die Beine zu stellen, ohne darauf angewiesen zu sein, damit ein Einkommen zu erzielen. Warum schreibe ich: weil ich Bock drauf habe und es mir (und anderen) nützt!

    VG Covacoro

    1. Hallo!

      Ja ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass das auch auf der Konferenz Thema war 🙂 Ich denke, dass es aktuell Vielen so geht, wenn man sich in der aktuellen Szene so umschaut. Da könnte man wirklich meinen, dass fast alle nur noch mit ihrem Laptop und Youtube arbeiten und alle anderen Arten von Arbeit nicht zur Diskussion stehen. Ist sicherlich ein Stück Zeitgeist und Lifestyle, aber wie auch sonst im Leben gilt: Wenn es Jeder macht, geht der Markt kaputt.

      Gruß

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