Verdirbt Geld den Charakter?

Es ist schon beinahe eine als allgemein gültige Wahrheit anerkannte Aussage, die nicht wenige Menschen blindlings unterschreiben würden:

 „Geld verdirbt den Charakter“

Oma, Eltern, Lehrer und Co.

Schon unsere Oma erzählte uns Socken strickender Weise von den vermeintlich schädlichen Eigenschaften von Geld bei „den Besseren“ der oberen gesellschaftlichen Etagen.

Wer würde es schon wagen, seiner Oma zu widersprechen, schon gar nicht wenn Mutter und Vater ins gleiche Horn stoßen und ebenfalls kein gutes Haar an wohlhabenderen Menschen und der „Leistungsgesellschaft“ lassen.

Da steht man nun selber da als Orientierung im Leben suchender junger Mann bzw. junge Frau und weiß nicht so recht, wie das eigene Verhältnis zum großen G nun eigentlich ausfallen soll.

Vorurteile über Reiche in den Medien

In den Medien liest man oft von dekadenten Jungprinzen, saufenden und koksenden Schauspielern oder gescheiterten Stars der Musikindustrie. Zudem sind in nahezu fast allen filmischen Erzählungen die Bösewichte reich oder wohlhabend (siehe mein Artikel „Reiche sind an allem Schuld“).

Tja, irgendwas muss also doch dran sein an dem Vorurteil. Geld kann demnach einfach nicht gut für die eigene Psyche und den eigenen Charakter sein. Also nichts wie die Scheuklappen aufgesetzt, Sozialwissenschaften studiert und ständig nach Bestätigung der eigenen Ideologie Ausschau gehalten.

Die Welt muss immerhin gerettet und von den zersetzenden Auswüchsen des überbordenden Kapitalismus* befreit werden. Wenn alle arm sind, wäre die Welt ein besserer Ort, da es keine sozialen Unterschiede mehr gäbe.

Nein, bitte nicht. Wurde alles schon versucht! Mit verheerenden Folgen, die man eindrucksvoll in der gesamten Menschheitsgeschichte nachforschen kann.

Bitte nicht missverstehen: Ich habe nichts gegen Sozialwissenschaften, im Gegenteil. Aber ein Studienfach nur deswegen zu belegen, weil man darin seine eigene Weltsicht immer wieder aufs Neue bestätigt bekommt, halte ich für sehr ungesund. Stichwort selektive Wahrnehmung bzw. Wahrnehmungsfilter.

Dennoch muss ich zugeben, dass Geld durchaus auch Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden von Menschen haben kann. Als Jemand, der nicht aus reichem Hause stammt, konnte ich die negative Wirkung von Geld im eigenen Umfeld beobachten. Sei es bei der eigenen Familie oder bei Bekannten. Allerdings muss ich hier differenzieren: Hier hatte durch die Bank weg der Mangel an Geld eine negative Auswirkung.

Negative Eigenschaften von Geld bei Geldmangel

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mit der idealisierten und romantischen Vorstellung des Helden aus bescheidenem Hause nicht weit her ist. Geldmangel nervt, isoliert sozial und ist sicherlich auch nicht zuträglich für die eigene (psychische) Gesundheit.

Knauserei / Geiz

Eine eigenartige Eigenschaft von Geldmangel ist, dass Geld dadurch eine übermäßig große Bedeutung im Leben erhält, auch wenn man eigentlich das Gegenteil beabsichtigte und Geld in seiner Bedeutung am liebsten herunterstufen würde. Jedoch ist leider das Gegenteil der Fall und man läuft Gefahr ein Sklave des Geldes zu werden:

Man hat wenig Geld, lästert dabei über die Reichen, die angeblich vom Geld beherrscht werden. Auf der anderen Seite werden Sonderangebote gesucht, die noch günstigere Tankstelle angefahren und jeder Cent dreimal umgedreht. Sprich: Geld beherrscht auch hier auf ungesunde Art und Weise das tagtägliche Leben.

Wenn man auf soziale Veranstaltungen geht – sei es auch nur das örtliche Weinfest – muss immer jede Ausgabe abgewogen werden. Impulskäufe aus Lebenslust – Fehlanzeige. Manchmal bringen Menschen sogar die eigene Flasche Wein von Zuhause mit auf das Fest. Kein Witz, habe ich selbst schon beobachtet.

Nun mag es Leute geben, die so etwas für vorbildhaft halten. Vor allem im Schwabenland wird diese Haltung vielleicht weniger kritisch gesehen – ich jedoch finde es in gewisser Weise entwürdigend.

Diese Knauserei und Pfennigfuchserei hat zumindest für mich nichts mit einem gelungenen Leben gemein.

Egozentrik

Ebenfalls konnte ich feststellen, dass sich bei manchen Menschen unter Geldmangel egozentrische Züge entwickeln können. Wird in den Medien gerne das Bild des altruistischen Helden aus armem Hause postuliert, habe ich in der Realität genau die gegenteiligen Erfahrungen gemacht: Die von mir beschriebenen Menschen igeln sich zuhause ein, haben weniger soziale Kontakte und konsumieren häufig „Assi-TV“.

In Gesprächen stellte sich in meinen Beobachtungen dann manchmal heraus, dass das ICH, ein gern genutztes Substantiv ist. Zwar kann ich mir diesen Umstand psychologisch noch erklären (Geldmangel führt zu Isolation, Isolation führt zu Eigenbrödlertum), dennoch finde ich es sehr schade und würde mir dann doch eher die sozialromantische Variante des weltoffenen, moralisch einwandfreien, Helden wünschen.

Alle diese Eigenschaften – so zumindest meine Erfahrungen – werden leider auch noch mit fortschreitendem Alter immer schlimmer, sodass es immer schwieriger für die Menschen wird, aus diesen Spiralen herauszukommen.

Aber nicht nur Geldmangel kann den Charakter verderben, auch zu viel Geld kann negative Folgen haben:

Negative Eigenschaften von Geld bei Reichen

Was können also solche negativen Eigenschaften bei Reichen sein, die je nach Person eventuell durch das Geld verstärkt werden? Nachfolgend ein paar Beispiele, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Geiz

Eine negative Folge der intensiven Beschäftigung mit dem Thema Geld habe ich bei mir selbst feststellen müssen und habe es seitdem soweit (hoffentlich) im Griff. Zudem weiß ich, dass ich mit diesem Problem nicht alleine war und bin.

Viele Finanzblogger-Kollegen haben ähnliche Feststellungen bei sich gemacht und darüber berichtet: Ich spreche von dem ebenfalls oben bereits erwähnten Geiz, diesmal aber nicht aus Geldmangel, sondern aus der Lust am Investieren von Geld, also eher der Geiz durch Vorhandensein von Geld. Von investierbarem Geld.

Dies kann beinahe schon suchtartige Züge annehmen, was sicherlich nicht gesund ist und auch nicht gesund sein kann. Man kann tatsächlich süchtig danach werden, Geld zu horten, zu vermehren und sich insgesamt mit dem Thema Geld zu beschäftigen.

Mir macht es bekanntlich wahnsinnig viel Spaß, mein Depot auszubauen, mich an tollen Firmen zu beteiligen und mein „passives Einkommen“ Monat für Monat wachsen zu sehen. Wenn aber die Lust am Vermögensaufbau so groß wird, dass man sich monatlich selbst kasteit und teilweise auf soziale Kontakte bzw. Unternehmungen verzichtet, nur, weil diese eben immer Geld und Zeit kosten, dann läuft definitiv etwas schief.

Das habe ich für mich abgestellt und lieber meine monatliche Sparquote zugunsten des Lebens im Hier und Jetzt* etwas gesenkt. Ständige Selbstoptimierung ist selten sinnvoll und verursacht in den meisten Fällen auch Stress.

Dieses Problem sehe ich auch immer wieder bei extrem minimalistisch lebenden Menschen. Sich selbst kasteien, jeden Euro umzudrehen und jedem Starbucks-Kaffee auszuweichen wie Neo im Film Matrix den Pistolenkugeln, mag ja für Manche ein gangbarer Lifestyle sein.

Ich vermisse dabei dann aber doch immer öfters das „Life“ und sehe eigentlich nur den „Style“. Auch hier machen sich die Betroffenen in meinen Augen zu Sklaven des Geldes. Vielleicht nicht alle, aber zumindest diejenigen, welche den Minimalismus extrem betreiben.

So lässt sich tatsächlich auch erklären, wieso manche Reiche und Superreiche extrem sparsam leben. Immerhin sagt der Volksmund nicht absolut zu Unrecht: „Von den Reichen kann man das Sparen lernen“.

Skepsis gegenüber dem Staat und Verlustängste

Wer viel hat, der kann viel verlieren. Bei Reichen kann das dazu führen, dass eine grundlegende Skepsis gegenüber Staat, Politik und – im schlimmsten Fall – anderen Menschen entsteht.

Hinter jeder Ecke wähnt man einen potentiellen Räuber des mühsam aufgebauten Wohlstands. Am Beispiel des Staates eben durch sozialistische Enteignungs-Ambitionen oder starke steuerliche Belastungen.

Teilweise kann aber auch ich als Normalsterblicher diese Skepsis durchaus nachvollziehen. Dazu ist unsere westliche Gesellschaft vielleicht tatsächlich aktuell zu satt und träge geworden, sodass Umverteilung tatsächlich drohen kann (siehe jüngste Vorschläge des IWF zur Abschaffung von Bargeld oder Einführung von Negativzinsen).

Auch zeugt die „Reisevorliebe“ größerer Vermögenssummen in die Schließfächer so mancher tropischer Inselstaaten, von einer ausgeprägten Verlustangst unter Vermögenden. Vielleicht nicht ganz unberechtigt, wenn man sein ganzes Leben lang hart für das aufgebaute Vermögen gearbeitet hat und eventuell viele Entbehrungen in Kauf genommen hat, bis man das erreicht hat, was man eben erreicht hat.

Wenn hier dann noch die sozialistischen Fantasien, auch zur Rettung der gesetzlichen Rente, hinzukommen, kann man eine gewisse Vorsicht unter Vermögenden durchaus nachvollziehen.

Nichtsdestotrotz ist eine skeptische Paranoia nicht gerade förderlich für die seelische Gesundheit. Egal ob als Superreicher oder Normalverdiener: Negative Schreckensszenarien dienen meist nur denen, die damit Geld zu verdienen gedenken.

Geld: Weder gut noch böse

Also was nun, verdirbt Geld den Charakter oder nicht? Meiner Meinung nach verdirbt Geld den Charakter definitiv nicht. Geld KANN jedoch sowieso vorhandene Persönlichkeitsmerkmale unter Umständen verstärken. Sei es der Mangel an Geld (Geiz, Knauserei, Egozentrik) oder auch ein Überfluss an Geld (ebenfalls Geiz, Skepsis, Verlustängste).

Was ich mich jedoch zu glauben weigere ist, dass ein Mensch seinen Charakter um 180 Grad verändert, nur wenn er zu Geld gekommen ist. Hier spielen eher andere Faktoren mit hinein, jedoch nicht nur das Vorhandensein von Geld. Ansonsten plädiere ich wie schon mehrfach erwähnt zu einer neutralen Sichtweise auf Geld im Sinne von „konservierter Lebenszeit“.

Wie sieht es bei dir aus, konntest du oben beschriebene Auswirkungen bei dir selbst schonmal feststellen – sei es wegen Mangel von Geld oder auch bei Überfluss von Geld z.B. beim Investieren?

Ein Kommentar

  1. Geld hat keinen Charakter und verdirbt ihn auch nicht.
    Vermutlich ist das ein Spruch aus dem kirchlichen Umfeld, um Menschen zu manipulieren.
    Geld ist das, was jeder selbst daraus macht. 🙂 Es sind wir selbst.
    Wer schlecht ist, ist es auch mit Geld. Und umgekehrt.
    Beste Grüße von
    Dani

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