Klimaschutz und Kapitalismus: Ein Widerspruch?

Nicht erst seitdem 2019 die Initiative „Fridays for Future“ die Weltbühne betreten – und seit Corona auch wieder spektakulär verlassen- hat, beschäftigt viele Menschen die Frage von Klimaschutz und Nachhaltigkeit im gesellschaftlichen Kontext. Auf der einen Seite treibt Viele die Sorge um unser Klima um, andererseits ist Klimapolitik auch stets Gesellschaftspolitik.

Also wie passen Klimaschutz und Kapitalismus eigentlich zusammen? Handelt es sich hierbei nicht sogar um Gegensätze? Oder wird uns vielleicht nur verkauft, dass es sich angeblich um Gegensätze handelt? Darum soll es im heutigen Artikel gehen, der in erster Linie meine eigenen Gedanken zu dem Thema darstellen soll. Weder bin ich Politiker, noch Umwelt- oder Wirtschaftslobbyist, so viel zur Klarstellung vorab.

Umweltschutz und Kapitalismus: Definitionen

Zunächst ist es wichtig, einmal zu definieren, was man unter den angeblich widerstreitenden Positionen überhaupt versteht. Heutzutage definiert Jeder „Klimaschutz“ anders, genau wie „Kapitalismus“ sehr unterschiedlich definiert wird.

Für Manche bedeutet Umweltschutz, in einer kleinen Hütte zu leben und Selbstversorger zu sein, andere halten unser derzeitiges Wirtschaftssystem fälschlicherweise für „Kapitalismus“ oder gar „Turbo-Kapitalismus“. Beides trifft eigentlich nicht zu.

Manche haben schon ein gutes Gewissen, wenn sie „nur“ Bio-Gemüse kaufen, Andere ordnen ihre gesamte Existenz den Maximen des Umweltschutzes unter.

Damit du als Leser auch weißt, wie ich die Begriffe persönlich im Ideal sehe, nachfolgend kurz meine Einordnung.

Idealer „Klima- und Umweltschutz“ bedeutet für mich:

  • Unpolitisch
  • Rücksichtnahme auf endliche natürliche Ressourcen
  • Verminderung der Schadstoff-Emissionen
  • Nachhaltigkeit für kommende Generationen
  • „Back to nature“, also ein Ende der Entfremdung von Mensch und Natur
  • vorrangige Nutzung regenerativer und sicherer Energien vor limitierten oder unsicheren Energien (i.d.R. fossiler Art)
  • gesunder Konsum“, also kein Konsum um des Konsumierens Willen (raus aus der gesellschaftlichen Konsummatrix)
  • gesunde Balance zwischen Natur und menschlicher Bevölkerung (keine Übervölkerung)
  • Artenschutz, insbesondere konsequente Verhinderung der Ausrottung von Lebewesen aufgrund „Aberglauben“ (Wolf=böse), angeblicher „medizinischer Wirkung“ (zerriebene Elefantenstoßzähne) oder weil sie „gut schmecken“ (Haifischflossensuppe)
  • Gesellschaftlich: Kleinere, kooperierende, individuellere und freiheitlichere Einheiten statt riesige Kollektive („Mega-Cities“ nach asiatischem Vorbild – Horror!)
  • Einsatz von High-Tech, um Umweltschutz zu fördern
  • „Geerdet sein“

Idealer „Kapitalismus“ bedeutet für mich:

  • Liberale Marktwirtschaft mit sozialem Anstrich, KEINE Planwirtschaft
  • Effiziente Nutzung der Ressourcen zur Befriedigung individuell menschlicher (Grund-)Bedürfnisse
  • Wohlstand für möglichst viele Menschen; wachsender globaler Wohlstand bei abnehmender bitterer Armut
  • So wenig Staat wie möglich, so viel Staat wie nötig
  • Keine Subventionen aller Art; wenn einer subventioniert, dann der Markt
  • Freiheit vor Kollektivismus
  • Abbau überflüssiger Bürokratie
  • Eigenverantwortung statt Staatsgläubigkeit
  • Gesunder Eigennutz (der dann automatisch zum Gemeinwohl beiträgt)
  • Alternativen zum inflationären Fiat-Geldsystem, welches zu wachsendem gesellschaftlichen Stress, Hektik und Unzufriedenheit führt
  • Höhere Quote an Selbstständigen, Einzelunternehmern, Freiberuflern und Unternehmern, weniger Arbeitsverhältnisse im goldenen Käfig „öffentlicher Dienst“
  • Staat setzt die Grenzen und überwacht deren Einhaltung (insbesondere bei Monopolbildungen etc.), innerhalb der Grenzen: Freier Markt
  • Besseres, entspannteres und freundlicheres Miteinander als Ergebnis möglichst hoher Befriedigung von Individualbedürfnissen und dem anschließenden individuellen Übergang in die Phase „Selbstverwirklichung“ (frei nach Maslow)
Kapitalismus und Umweltschutz sind keine Gegnsätze. Im Gegenteil. Die bisherige Geschichte zeigt, dass je wohlhabender eine Gesellschaft geworden ist, automatisch auch der Zustand der Umwelt davon im positiven Sinne profitiert hat.
Bedürfnispyramide nach Maslow

Kann Kapitalismus Klimaschutz?

Wenn man sich meine persönlichen, zugegeben stark idealisierten, Vorstellungen einmal intensiv durchdenkt, dann sollte man feststellen, dass der angebliche Widerspruch eigentlich gar keiner ist. Zumindest wenn man sich wirklich eingehend mit den Theorien von Freiheit und Marktwirtschaft nach z.B. Friedrich August von Hayek (*1899) oder Ludwig von Mises (*1881) beschäftigt hat. Selbst Klassiker wie John Locke (*1632) dürften die Wenigsten Klimakämpfer auf dem Schirm haben oder sie werden als „Feinde“ betrachtet. Dabei sind dies die Vordenker einer wirklich freien Gesellschaft.

Leider stelle ich auf der anderen Seite immer wieder fest, dass sich die meisten Kämpfer für Klimaschutz offenbar ausschließlich mit Denkern wie Karl Marx, Theodor W. Adorno oder Thomas Piketty zu beschäftigen scheinen und somit automatisch dem politisch linken Lager zuzuordnen sind (auch eine Art von Wahrnehmungs-„Bubble“).

Teilweise ist in neueren Veröffentlichungen auch die Rede von Jean-Jacques Rousseau (*1712) als neuer „Gott der Linken“ (zum Beispiel in diesem Artikel). Hier vor allem wegen seiner Ablehnung von Privateigentum und seinem Ideal des naturverbundenen Menschen, der in kleinen soziologischen Gruppen lebt.

Dass der Liberalismus in Deutschland schon immer einen schweren Stand hatte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Nicht umsonst konnten im 20. Jahrhundert zwei sozialistische Systeme in Deutschland Fuß fassen. Irgendwie braucht der Deutsche offenbar eine Obrigkeit, der er sich mit Wollust unterwerfen kann. Eigenverantwortung eher Fehlanzeige.

Beide totalitäre Systeme haben bis heute ihre Spuren hinterlassen. Aber hey, der „echteKommunismus wurde ja nie ausprobiert, gell?! (Wie ich diese Ausrede immer liebe). und Übrigens: Ein „echterKapitalismus wurde noch viel weniger ausprobiert.

Umweltschutz nur für Privilegierte?

Was mich bei den heutigen Verfechtern des Umweltschutzes und Kritikern des Kapitalismus etwas befremdet, ist der Umstand, dass viele aus gut situierten, saturierten und wohlhabenden Akademiker-Familien kommen. Diese Bewegung speist sich somit nicht mehr aus dem Proletariat wie zu Zeiten Marx‘, sondern rekrutiert ganz frech im bürgerlichen Milieu. Dass dies natürlich Glaubwürdigkeitsfragen aufwirft, sollte klar sein:

Aus der eigenen, gesicherten Existenz im Elfenbeinturm, lässt sich natürlich prima Demut, Minimalismus und freiwilliger Verzicht für alle predigen. Bis heute ist dies bei vielen Religionsgemeinschaften nicht anders. Schau dir einfach mal den „Gehaltszettel“ deines Pfarrers an.

Wenn man von Geburt an alles hatte, dann weiß man eben auch diese Dinge nicht mehr wertzuschätzen. Das, finde ich, zeigt sich sehr eindrucksvoll bei vielen Klimaaktivisten der Generation Z.

Den Kapitalismus und Konsum kritisieren, aber andererseits von seinen Früchten leben, ist genauso heuchlerisch, wie wenn in sozialistischen Systemen Besitzlosigkeit vom Normalbürger gefordert wird, nicht jedoch vom Parteifunktionär. Irgendjemand macht sich immer die Taschen voll, egal wie man das System nennt. Soll nicht auch eine Sarah Wagenknecht mehrfache Euro-Millionärin sein? Habe ich zumindest mal gehört. Soll sie doch all ihr Geld spenden und sich nur eine Minimalexistenz auszahlen.

Selbstverwirklichung als Treiber von Umweltschutz

Ich habe oben in der Grafik die maslowsche Bedürfnispyramide etwas ergänzt. Für mich haben die Erkenntnisse von Maslow auch heute noch immer Gewicht. Im Prinzip zeigt die Pyramide, dass es verschiedene Ebenen menschlicher Bedürfnisse gibt, die der Mensch nach einer Reihenfolge gerne befriedigt sehen möchte. Die unteren Ebenen sind breiter als die darüber liegenden, sprich deren Befriedigung hat zunächst Priorität.

Die einzelnen Ebenen (von der Priorität absteigend):

  • Physiologische Bedürfnisse, also überlebenswichtige Bedürfnisse: Atmen, Wasser, Nahrung, Fortpflanzung, Schlaf, „Dach über dem Kopf“ etc.
  • Sicherheitsbedürfnisse: Körperliche und seelische Sicherheit, materielle Grundexistenz, Familie und Gesundheit als Notanker
  • Soziale Bedürfnisse: Hierzu zählen Freundschaften, Beziehungen, der gegenseitige Austausch mit anderen Menschen, Gruppenzugehörigkeit und das spielen einer „gesellschaftlichen Rolle“
  • Individualbedürfnisse: Hierzu zählt Maslow Selbstbestätigung, Wertschätzung durch Andere, Unabhängigkeit, Freiheit, Stärke, Erfolg, Vertrauen und viele andere Attribute. Hier setzen oftmals die Motivations-Coaches gerne an und werben mit der Erfüllung genau dieser Bedürfnisse.
  • Selbstverwirklichung: Das ist die am schwersten zu befriedigende Ebene: Wenn alle anderen vorgenannten Ebenen durchschritten wurden, dann soll sich laut Maslow eine neue Unzufriedenheit im Menschen einstellen: Er strebt dann nämlich nach einer sinnvollen Existenz, Erfüllung seiner Bestimmung (siehe Modewort „purpose„), Ausbau und Nutzung seiner Talente, seiner Potenziale und seiner Kreativität. Der Mensch wird also tendentiell unruhig, unzufrieden und sucht auf der Ebene der Selbstverwirklichung „Erleuchtung“.

Klimaschutz nach Maslow

Wenn man sich die Pyramide von Maslow also genauer anschaut, dann kann man daraus in Bezug auf Umweltschutz folgende Behauptungen aufstellen:

  • Je größer der Wohlstand in einer Gesellschaft ist, desto mehr Menschen liebäugeln mit dem Thema Umweltschutz und desto besser geht es der Umwelt in so einem Staat
  • Umweltschutz muss man sich „leisten“ können: Wenn die unteren Ebenen nicht befriedigt sind, fällt der Gedanke an Umweltschutz und Konsumverzicht auf wenig fruchtbaren Boden
  • Bevor die Selbstverwirklichung einsetzt, müssen erst andere Bedürfnisse befriedigt werden, unter anderem auch die Individualbedürfnisse
  • Auch Klimaaktivisten sind keineswegs selbstlos, im Gegenteil: Auch sie befriedigen einfach nur ihre individuellen Bedürfnisse ihrer Ebene bzw. versuchen, sich selbst zu verwirklichen

Das Ganze heißt natürlich jetzt nicht, dass man sich nicht für Klimaschutz einsetzen sollte, ganz im Gegenteil. Wie ich oben beschrieben habe, haben für mich die Natur und die Umwelt absolute Priorität.

Ich würde jedoch keinem Menschen vorschreiben, sich in Konsumverzicht für „die gute Sache“ zu üben, schon gar nicht wenn ich selbst nie aus eigener Kraft die unteren Ebenen durchschritten habe.

Diese Tendenz kann man leider sehr häufig in der politischen Linken beobachten, nicht umsonst haben die Grünen vielerorts den Beinamen „Verbotspartei„. Eine solche Verbotsdoktrin widerspricht auch Maslow. Sie behindert die Bedürfnisbefriedigungen der Menschen (Verbot von Einfamilienhäusern) und hat daher nie funktioniert und wird auch nie dauerhaft funktionieren.

Kapitalismus und Umweltschutz: Ja auf jeden Fall!

Für mich passen Umweltschutz und Kapitalismus also sehr gut zusammen. In einem freien Markt, wo alle Ressourcen auch einen frei durch Wettbewerb generierten Preis haben (ohne Subventionen, Förderungen und Vetterleswirtschaft bzw. Korruption), müsste sich automatisch durch den technologischen Fortschritt eine Ressourcenschonung ergeben. Was meine ich damit?

Beispiel:

Zu meiner Kindheit verfügte beispielsweise der durchschnittliche Haushalt über folgende Gerätschaften, mit denen er seine Bedürfnisse befriedigte:

Fernseher, Festnetztelefon bzw. (Klapp)Handy, Kassettenrekorder, Stereoanlage, Fotoapparat, Videokamera, vllt. noch Pay-TV-Box und einen Computer. Dazu brauchte man noch Kassetten und CDs in Hülle und Fülle. Alle diese Dinge verschlangen Ressourcen, verschmutzten die Umwelt durch ihre Herstellung (Plastik, Abbau von Metallen für die Geräte etc.).

Heute würde man die gleichen Bedürfnisse mit folgenden Gerätschaften ebenfalls (oder sogar besser) befriedigen: Smart-TV (ersetzt TV und Pay-TV), Smartphone (ersetzt Telefon, (Klapp)Handy, Computer, Fotoapparat, Videokamera und Stereoanlage) und einen Bluetooth-Lautsprecher (für einen besseren Klang als nur mit dem Smartphone;-)).

Du siehst also, der technische Fortschritt – gerade bei Konsumgütern – führt dazu, dass die Ressourcen schon heute wesentlich effizienter genutzt werden, als noch vor 20 Jahren. Und das völlig ohne selbstaufopfernden Verzicht.

Bessere Umwelt durch mehr Wohlstand?!

Ich würde zusammenfassend also folgende Behauptung aufstellen:

Wenn wir es in den westlichen Staaten schaffen, unseren Wohlstand weiterhin zu mehren, dann führt dies dazu, dass immer mehr Menschen in die oberen Ebenen der Pyramide aufsteigen. Daraus ergibt sich dann kurioserweise ein wachsender automatischer und freiwilliger Verzicht durch Aufstieg in den Bereich der Selbstverwirklichung. Ähnlich wie es Minimalisten schon heute tun: Sich freiwillig auf weniger beschränken und dadurch sogar an Lebensqualität gewinnen.

Dies führt dann wiederum zu weniger Bedarf an Konsumgütern, sodass die Unternehmen ihre Güter zunehmend an Staaten mit weniger Wohlstand verteilen können. Angenehmer Nebeneffekt: Global sinkt die bittere Armut, der Anteil an Supperreichen steigt. Die Weltbank hat berechnet, dass zwischen 1981 und 2012 der Anteil von unter 1,90 US-Dollar (Kaufkraft) pro Tag und Kopf lebenden Menschen von 44% auf 12,7% gesunken ist. 2015 lag diese globale Armut sogar erstmals unter 10% (Quelle: Armutsbericht und Globalisierung).

Und wenn es einen Umweltkiller schlechthin gibt, dann wohl die Armut. Man schaue sich nur einmal den Zustand der Natur in bitterarmen Ländern an.

Auch Staaten mit sozialistischen Systemen sind alles andere als Musterknaben in Sachen Umweltschutz. Die schmutzigsten Orte dieser Welt liegen in der ehemaligen Sowjetunion. Auch hiesige DDR hinterließ durch seinen Kohletagebau und die industrielle Planwirtschaft einen fatalen Fußabdruck in der Klimabilanz.

Nein, Kapitalismus und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Sie könnten sogar sehr gut zusammen harmonieren – wenn man sie nur ließe. Freiheit, technologischer Fortschritt und Klimaschutz. Ein sehr guter Dreiklang wie ich finde.

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